Eine Begegnung mit Goethes West-Östlichem Divan

Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident, unter diesem Titel erwartet sie eine Begegnung mit Goethes West-östlichem Divan, eine Begegnung mit einer der großartigsten Dichtungen deutscher Sprache. Dieser Gedichtzyklus des deutschen Dichterfürsten ist ein eindrückliches Dokument einer west-östlichen Begegnung, genauer die Antwort eines tief christlich geprägten bürgerlichen Menschen auf die islamische Kultur.

Neben Gotthold Ephraim Lessings dramatischen Gedicht ‚Nathan der Weise’ und dessen zentraler Ringparabel ist der West-Östliche Divan der wichtigste Meilenstein für eine offene Begegnung der Religionen.

Goethe lässt sich in vorurteilsloser Weise auf den Islam ein. Er ist allem zugetan, was an echter Lebenseinstellung und Gottinnigkeit laut wird und um so tiefer allem abgeneigt, was seinem freien geistigen Sinn zu widersprechen scheint. Dieses großartige dichterische Werk ist das Dokument eines geistigen Dialogs zweier tief religiöser Menschen. Der eine ist der Dichter Goethe (1749-1832) selbst, der andere der tief durch den Koran geprägte, persische Dichter Hafis (1302-1389), rund 450 Jahre älter als Goethe, aber für ihn wie ein Zeitgenosse, mehr noch ein ihm zutiefst naher Geist.

 

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Die Leerstühle in Weimar symbolisieren die geistige Begegnung von Goethe und Hafis

II. Der Leitspruch

Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident – Nord und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände. Einmal gehört, will man diesen Vierzeiler nicht wieder vergessen. Goethe nimmt den Vers 142 aus der 2. Sure auf: Gottes ist der Orient und der Okzident. Darin spricht sich das im Koran allgegenwärtige Bewusstsein von der umfassenden, allmächtig schöpferischen Herrschermacht des einen, ausschließlichen Gottes aus, dem sich der Glaubende unterwirft. Goethe erweitert diesen Vers durch einen Kommentar: Nord und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände. Der Horizontalen tritt gleichsam eine Vertikale zur Seite. Ein Kreuz zeichnet sich ab. Es entsteht eine polare Einheit. Goethes tiefes, lebenslang immer weiter herangereiftes Wissen um das in polaren Strebungen sich entfaltende Eine des Lebens wiederholt sich hier. Welten, Gedanken, Ideen rufen sich, ergänzen sich und steigern sich aneinander. Wie er einst in seiner klassischen Zeit eine geistige Neugeburt durchlebte in der Begegnung von Nord und Süd, so ereignet sich nun einezweite, lebendige Steigerung in seiner Begegnung von West und Ost. Es scheint als sei er nunauf der Höhe seines irdischen Entfaltungsganges angekommen, da er in Gott angekommen ist,im Frieden seiner Hände „Die eigene Erfahrung der Wandlung ins Universale ermutigte Goethe, sich mit der Aufforderung an die Mitmenschen zu wenden: sich in Frieden (hier auch ganz politisch gemeint) einer gott- und geisterfüllten Universalität zu öffnen. Und liegt darin nicht der letzte Sinn des West-Östlichen Divan? Nehmen wir die ersten zwei Verse … als Koran-Text und ‚Prophetenwort’, wird dann hier nicht … der Westen aufgefordert ‚Prophetenwort und –samen’ zu schätzen, wie es sich gebühret? Und wäre das nicht zugleich eine Mahnung an den islamischen Orient, sich unbefangen und selbstbewusst einem geistigen Dialog mit dem Okzident zu öffnen durch Rückbesinnung auf das Gebot der Toleranz im Vers 256 der zweiten Sure des Korans ‚Es sei kein Zwang im Glauben’, eine Toleranz, welche nicht auf Gleichgültigkeit oder einem Unterlegenheitsgefühl gründet, sondern auf der in eben diesem Vers ausgedrückten Gewissheit beruht: ‚Klar ist nunmehr unterschieden das Rechte vom Irrtum? Indem Goethe, den Spuren des Propheten Mohammed folgend, mit seinem Talisman ‚Gottes ist der Orient’ den Tawhid, den Glauben an die alles umspannende Einheit Gottes verkündet, weist er die Nachwelt, die Menschen des Orients und des Okzidents auf den ‚rechten Pfad’, das heißt auf den Weg eines verantwortungsbewussten Handelns. In den Versen liegt die Quintessenz von Goethes geistiger Auseinandersetzung mit dem Islam“ (Mommsen, 429). In diesen Worten resümiert die Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen die Bedeutung des West-Östlichen Divan, sie, die wie kein anderer aufgezeigt hat, wie tief Goethe mit diesem Werk seine lebenslange Beschäftigung mit dem Islam zur Vollendung brachte.

III. Goethes positive Wertschätzung des Islam

Schon in frühen Jahren hatte er sich intensiv mit dem Koran beschäftigt. Er begann die Gestalt Muhammads unbefangen zu entdecken, sah in seinen Lehren eine genuine Offenbarung, in ihm einen eigenständigen arabischen Propheten. Frühe Koranauszüge zeigen wie sehr schon der junge Goethe von dem klaren Monotheismus angetan war, von der Unvergleichlichkeit Gottes, wie sie sich in der Großartigkeit der Natur darstellt und die frühen Suren Muhammads durchtönt. „In der Regelmäßigkeit und Periodizität der Naturerscheinungen, im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, der Winde und Wolken, im Gang der Gestirne sind dem Menschen Zeichen gesetzt für die Größe und Allmacht Gottes, wie auch für die Unabänderlichkeit der göttlichen Vorsehung. Der Koran lehrt, wie der Mensch die Natur in allen ihren Phänomenen betrachten soll: als Beweis göttlicher Gesetze. Durch die Wahrnehmung der Natur in ihrem Reichtum, ihrer Vielfalt und Gesetzlichkeit, wirdder Mensch auf das göttliche Walten hingewiesen: auf den Einen Gott in der Vielheit der Erscheinungen. Goethe sah darin eine Bestätigung seiner unumstößlichen Überzeugung, dass das Göttliche sich in der Natur offenbare. (Es) gibt im Koran zahlreiche Stellen, die auf Naturphänomene als Zeichen des einen Gottes hinweisen, und in der Verbindung mit der Lehre von der Güte Gottes weckten sie Goethes Sympathie für den Islam und das Gefühl, hierauf eine der seinen verwandten Geistesrichtung gestoßen zu sein. Gerade die Nachdrücklichkeit, mit welcher der Prophet Muhammad die Einheit Gottes verkündet hat, wurde von Goethe stets als dessen besonderes Verdienst angesehen. So schrieb er in den Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Divan…: ’Der Glaube an den einigen Gott wirkt immer geisterhebend, indem er den Menschen auf die Einheit seines eignen Innern zurückverweist’. In allem das Eine zu erblicken, das Göttliche, entsprach des Dichters eigener Religiosität.“ (Mommsen, 38). Diese Überzeugung grundiert den Divan. Ein paar Kostproben: „Abraham, den Herrn der Sterne, hat er sich zum Ahn erlesen; Moses ist, in wüster Ferne, durch den Einen groß geworden. David auch, durch viel Gebrechen, ja, Verbrechen durch gewandelt, wusste doch sich los zu sprechen: Einem hab ich recht gehandelt.’ Jesus fühlte rein und dachte nur den Einen Gott im stillen… und so muss das Rechte scheinen, was auch Mahomet gelungen; Nur durch den Begriff des Einen hat er alle Welt bezwungen“ Dieser klare Monotheismus möge man im Zusammenhang dessen hören, was Goethe andernorts formuliert, in der Kunst sei er Polytheist, in der Naturforschung Pantheist, dort aber, wo es um die sittliche Person geht, Monotheist.

Dieser Monotheismus ist immer rückgebunden an die Entdeckung und Annahme der Natur als Schöpfung des Höchsten. Im Buch der Parabeln lesen wir:

‚Ich sah mit Staunen und Vergnügen
eine Pfauenfeder im Koran liegen:
Willkommen an dem heil’gen Platz,
der Erdgebilde höchster Schatz!
An dir, wie an des Himmels Sternen,
ist Gottes Größe im Kleinen zu lernen,
dass er, der Welten überblickt,
sein Auge hier hat aufgedrückt,
und so den leichten Flaum geschmückt,
dass Könige kaum unternahmen
die Pracht des Vogels nachzuahmen.‘

Bescheiden freue dich des Ruhms, so bist du wert des Heiligtums.“ Das Motiv entnahm Goethe dem Rosengarten des persischen Dichters Saadi. „Bei Saadi ist die Pfauenfeder aufgrund ihrer Schönheit würdig, im Koran zu liegen. Goethe ändert und erweitert das Motiv, indem er diese Pfauenfeder zu einer Repräsentantin des Göttlichen erhebt. Da Gott ihr ‚sein Auge aufgedrückt’ hat, kann man an ihr ‚im Kleinen’ etwas von ‚Gottes Größe’ begreifen lernen, sowie man sie in entsprechender Weise an des Himmels Sternen erlernen kann. Bei Saadi spricht die Pfauenfeder gleichsam selbst zu dem Dichter und verteidigt in stolzem Bewusstsein eigener Schönheit ihren legitimen Anspruch auf einen so ehrenvollen Platz… Bei Goethe jedoch soll die Pfauenfeder sich ihres Ruhmes ‚freuen’, damit wird das schon im ersten Vers mit dem Wort ‚Vergnügen’ evozierte laetitia-Motiv aus Spinozas Ethik am Schluss noch einmal bekräftigt. Gleichsam aufgewogen wird das Sich-Freuen der schönen Pfauenfeder durch die Einschränkung ‚bescheiden’; der Erwählten kommt eine Haltung frommer Demut zu… So fügt Goethe dem ‚islamischen’ Gedicht eine ‚christliche’ Tugend hinzu“ (Mommsen, 212). Hier begegnet ein typischer Zug in Goethes Begegnung mit dem Islam. Er entdeckt tief Verwandtes im Islam, entbindet es kultureller Beschränkungen und bringt es zurück in das abendländische Denken, das dadurch erhellt und aufgeklärt werden kann. Der Weg nach Osten wird zur Entdeckung des wahren Westens, indem ihm das islamische Wort zum Weggeleit wird für eine innerlich reine Neuschöpfung des genuin Christlichen, wie es sich für Goethe in seiner tief religiösen Haltung der Ehrfurcht darstellt.

IV. Goethes Grundüberzeugung

Seine Religion der Ehrfurcht folgt dem Evangelium, folgt Spinoza, dem allerchristlichsten der Weisen und folgt dessen Prinzip des bene agere et laetari, des Gutes Tun und sich freuen (an Gott und Welt).

Spinoza war nicht nur die Natur die Epiphanie des Göttlichen, die natura naturata herausströmend aus der natura naturans, Goethe sah sich mit Spinoza auch aufs engste verbunden in dessen Lehre vom amor dei intellectualis, von der geistigen Gottesliebe, die Gottergebenheit aufs engste verknüpfte mit einer aufgeklärt-vernünftigen Lebenseinstellung sowie großer Uneigennützigkeit in der Lebensführung. Es geht Goethe um die für ihn zentrale Haltung von ‚Zuversicht und Ergebung’. Sie sah er bei diesem großen Weisen gelehrt und gelebt. Sie sah er am Grund christlicher Lebenspraxis am Werk, weshalb Goethe besonders zwei christlichen Heiligen sich tief verbunden wusste, Philipp Neri und dem heiligen Rochus und diese Haltung sah er nun auch am Grund der islamischen Einstellung. Daher der leitende Satz: „Wenn Islam Gott ergeben heißt, in Islam leben und sterben wir alle“ aus dem Buch der Sprüche, der als Vierzeiler ganz gelesen lautet:

„Närrisch, dass jeder in seinem Falle
seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam ‚Gott ergeben‘ heißt,
in Islam leben und sterben wir alle.“

Goethe begegnete also dem Islam aus einer aus christlichen Quellen gespeisten und an Spinoza geläuterten religiösen Überzeugung heraus, die die Religion an sich in Ergebung in Gott und (unabtrennbar davon) barmherziger, tatkräftiger Nächstenliebe gegeben sah, und dann von hier aus allem Traditionalismus, orthodoxer Rechthaberei und dem klerikalen Gehabe in den Wege trat.

V. Goethes Kritik an der islamischen Kultur

Er tut dies auch und gerade der islamischen Orthodoxie gegenüber. Ihrem Traditionsprinzip stellt er die Vernunft entgegen:

„Glaubst du denn: von Mund zu Ohr
sei ein redlicher Gewinst?
Überlieferung, o du Tor,
ist auch wohl ein Hirngespinst!
Nun geht erst das Urteil an;
dich vermag aus Glaubensketten
der Verstand allein zu retten,
dem du schon Verzicht getan“ (aus dem Buch des Unmuts).

Es liegt dem west-östlichen Divan wie Goethes Begegnung mit dem Islam überhaupt eine Wertschätzung der Grundoffenbarung an Mohammed zugrunde wie eine entschiedene Ablehnung der Sunna. Er benennt in den Noten und Abhandlungen scharf den orientalischen Despotismus, redet von der düsteren Religionshülle, die Muhammad über sein Volk gebracht hat und kritisiert im Divan die Zurücksetzung der Frau in der islamischen Kultur, ist sie doch der liebste von allen Gottes-Gedanken. Goethes innere Affinität zu bestimmten islamischen Grundsätzen zeigt eine erstaunliche Nähe zu der Einstellung der später als Ketzer verfolgten Mutazeliten, „eine theologische Richtung, die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts von beherrschendem Einfluss war. Sie vertraten den Grundsatz: Gott entspricht den Postulaten der Vernunft, wobei sie die Einheit und Unvergleichlichkeit Gottes zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bestimmten. Im Gegensatz zu den Anhängern von Sunna und Hadith nahmen sie … die Anthropomorphismen des Koran nicht wörtlich, sondern sahen darin nur Gleichnisse, und folgerichtig verwarfen sie die Vorstellung eines persönlich verstandenen Gottes. ‚Gleichermaßen wichtig aber war die Forderung, dass Gott gerecht sein müsse’…

In unserem Zusammenhang ist nun bemerkenswert, dass der Dichter des Divan im zweiten seiner Talismane ein Gedicht schuf, das mit seiner Lobpreisung Gottes als des einzig Gerechten wie ein mutazeltisches Credo anmutet:

„Er der einzig Gerechte, will für jedermann das Rechte. Sei, von hundert Namen, dieser hochgelobet! Amen.“ (Mommsen, 188f)

 VI. Goethes islamisch getönte Religiosität

Es sind also drei Dinge, die den aufgeklärten Christen und Bürger am Islam beeindrucken: Aufruhend auf der Überzeugung, dass Gott wirkt und sich dem Menschen in Natur, Vernunft und Liebe mitteilt, sieht Goethe drei wesentliche Dimensionen hier aufstrahlen und zu eigener sittlich-religiöser Läuterung dienend: Vorsehungsglaube, Ergebung und Wohltätigkeit. Die unbedingte Ergebung in den Willen Gottes wird Goethe zu einem zentralen geistigen Wert. Sie ist das Leitmotiv überhaupt seiner Alterswerke, nicht nur im Divan, und sie ist ihm Trostwort in eigenen Schicksalsnötigungen. Neben zahlreichen ähnlichen Äußerungen stehe hier nur sein Rat, an die Rat suchende Freundin Adele Schopenhauer im Jahr 1831, als die Cholera um sich gegriffen hatte: „Hier kann niemand dem anderen raten; beschließe was zu tun ist jeder bei sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Mut machen. Wenn Goethe positiv vom Islam redet, meint er das Bemühen, „im amor dei intellectualis ein inneres Gleichgewicht zu bewahren, das durch Schicksalsschläge nicht zu erschüttern ist“ (Mommsen,105), eine Schicksalsergebenheit, die aber nicht ablässt, in großer Liebe dem Leben zugetan zu sein, ja vielmehr für den Dichter und Denker Goethe die Basis bildet für eine wirkliche lebensfrohe, weltfromm-heitere Einstellung: „Freude des Daseins ist groß, größer die Freude am Dasein“, lesen wir im Buch Suleika, dazu im Buch der Sprüche.

„Gutes tu rein aus des Guten Liebe!
Das überliefere deinem Blut;
und wenn’s den Kindern nicht verbliebe,
den Enkeln kommt es doch zugut“.

(Man darf diese Worte sowohl lesen im Horizont aufgeklärter Ethik wie im Lichte der zweiten Sure, aus der der junge Goethe schon die für ihn wegweisenden Worte entnahm: Sura 2,Vers 106: ‚Gewiss! Wer sein Angesicht zu Gott völlig wendet, und dabei Gutes tut, der wird seinen Lohn haben bei Gott seinem Herrn und über solche wird keine Furcht kommen noch betrübet werden’ und Vers 172: ‚Darin besteht eben nicht die Gerechtigkeit, dass ihre eure Angesichter richtet gegen Morgen oder gegen Abend, sondern darin ist die Gerechtigkeit: wer recht glaubt an Gott und an den Jüngsten Tag…wer ferner von seinem Vermögen gibt um der Liebe Gottes willen…, wer auch das Gebet beständig verrichtet, sein Bündnis hält, wo er Treue versprochen, und der sich geduldig erweist in Widerwärtigkeiten und Unglücksfällen… solche sind die wahrhaftig sind und Gott fürchten“ (zit. nach Mommsen,54f aus der Megerlinschen Koranübertragung). Wie führt Goethe in eben diesem Buch der Sprüche aus: „Was machst du an der Welt? Sie ist schon gemacht, der Herr der Schöpfung hat alles bedacht. Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise, der Weg ist begonnen, vollende die Reise: Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht, sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.“

Kommen wir auf das eröffnende Buch des Sängers zurück. Hier begegnet uns dieses zentrale Motiv in weiteren Talismanen, diesen Neujahrsgedichten Goethes: „Mich verwirren will das Irren, doch du weißt mich zu entwirren. Wenn ich handle, wenn ich dichte, gib du meinem Weg die Richte. Ob ich Ird’sches denk und sinne, das gereicht zu höherem Gewinne. Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben, dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben. Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einholen, sich ihrer entladen; jenes bedrängt, dieses erfrischt; so wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich presst, und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.“

VII. Goethes Nähe zu Hafis

Noch aber haben wir nicht die eigentliche Tiefe des West-Östlichen Divan erreicht. Was ich bisher ausgeführt habe, ist ein knapper und sehr vorläufiger Blick da hinein, wie Goethe grundsätzlich positiv dem Islam begegnet und wie er ihm zur Klärung eigener, christlich bestimmter Einstellungen dient. Was den Divan so besonders macht, ist, dass er in der Begegnung mit Hafis, dem persischen Dichter, zu einer letzten Reife gelangt, indem er in diesem ihm wahlverwandten Geist eine Einstellung findet, die gläubige Gottergebenheit mit skeptischer Beweglichkeit und innerer Heiterkeit verbindet. Der deutsche Dichterfürst begegnete einem freisinnigen Muslim, mit dem er eine Weltfrömmigkeit teilte, die er selten sonst wo wieder fand. Im Juni 1814 entdeckte er Hafis. Die kurze Zeit zuvor vorgelegte Übersetzung von Hafis-Versen durch den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall wurde ihm als Geschenk gereicht. Er las und war getroffen. In den Tag- und Jahresheften 1815 berichtete er darüber: „wenn ich früher hier und da in Zeitschriften übersetzt mitgeteilten einzelnen Stücken dieses herrlichen Poeten nichts abgewinnen konnte, so wirkten sie doch jetzt zusammen desto lebhafter auf mich ein, und ich musste mich dagegen produktiv verhalten, weil ich sonst vor der mächtigen Erscheinung nicht hätte bestehen können. Die Einwirkung war zu lebhaft, die deutsche Übersetzung lag vor und ich musste also Veranlassung finden zu eigener Teilnahme.“ (Divan,132). Zwei Wochen nach der ersten Erwähnung der Hafis-Studien im Tagebuch, am 21.6.1814, schrieb Goethe das erste Gedicht seines Divans, Erschaffen und Beleben. Ich will es ihnen lesen: „Hans Adam war ein Erdenkloß, den Gott zum Menschen machte, doch bracht er aus der Mutter Schoß noch vielesUngeschlachte. Die Elohim zur Nas hinein den besten Geist ihm bliesen, nun schien er schonwas mehr zu sein, denn er fing an zu niesen. Doch mit Gebein und Glied und Kopf blieb er ein halber Klumpen, bis endlich Noah für den Tropf das Wahre fand, den Humpen. Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung, sobald er sich benetzet, so wie der Teig durch Säuerung sich in Bewegung setzet. So, Hafis, mag dein holder Sang, dein heiliges Exempel, uns führen bei der Gläser Klang, zu unsres Schöpfers Tempel.“ Ein an Derbes rührendes, spöttisches Gedicht, das doch bei all seinem ironischen Ton Gott sucht und findet – in den Dingen, in der Lebensfreude, in der Ruhe des Herzens, im Wein. Aber alles was hier irdisch, diesseitig, profan wirkt, ist bei Hafis – und Goethe hat dies erkannt – durchwirkt von Gottes Geist und ist transparent auf Gott. Alles Lebensfrohe, Weltfromme ist eine Türoffnung hin zu Gott. Der Wein mag der Tropfen Trollinger sein, mehr und entschiedener aber ist er ein Symbolwort für die inneren Ströme des Glücks, das Walten des göttlichen Geistes. Eines schillert im andern, das ist die Kunst des Hafis und sie hat Goethe berührt. Alles wird zum Gleichnis für Gott. Hafis gilt als der Horaz des Osten, aber er ist ein tiefgläubiger Dichter und deshalb allem Starrsinnigem entgegen. Während Goethes dreimonatiger Reise an Rhein und Main im Sommer 1814 entstehen eine Fülle weiterer Gedichte. Goethe erlebt ein Fließen der Sprache im Glück. Ein Jahr später, weiß er diese überraschende Wiederkehr jugendlichen Strömens, in abgeklärter Weise zu charakterisieren: „Ich habe … mehreres in Sinn und Art des Orients gedichtet. Meine Absicht ist dabei, auf heitere Weise den Westen und Osten, das Vergangene und Gegenwärtige, das Persische und Deutsche zu verknüpfen und beiderseitige Sitten und Denkarten übereinandergreifen zu lassen.“ Auch nachdem eine erste Sammlung des Divan 1819 veröffentlicht wurde, schreibt es in ihm und mit ihm weiter. So schreibt er am 11.5.1820 an seinen Freund Zelter: „Indessen sammeln sich wieder neue Gedichte zum Divan Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe, Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale, geläutert, sich symbolisch auflösend. Was will der Großpapa Weiter?“ (Divan,134)

Im Buch Hafis gibt Goethe im Eingangsgedicht seine innere Wahlverwandtschaft mit Hafis zu erkennen, wenn er an Hafis herantritt: „Mohammed Schamseddin, sage, warum hat dein Volk, das hehre, Hafis, dich genannt. Hafis: Ich ehre, ich erwidre deine Frage. Weil in glücklichem Gedächtnis des Korans geweiht Vermächtnis unverändert ich verwahre und damit so fromm gebare, dass gemeinen Tages Schlechtnis weder mich noch die berühret, die Prophetenwort und Samen schätzen, wie es sich gebühret; darum gab man mir den Namen. Worauf Goethe antwortet: Hafis, drum so will mir scheinen, möcht ich dir nicht gerne weichen: denn, wenn wir wie andre meinen, werden wir den andern gleichen. Und so gleich ich dir vollkommen, der ich unsrer heil’gen Bücher herrlich Bild an mich genommen, wie auf jenes Tuch der Tücher sich des Herren Bildnis drückte, mich in stiller Brust erquickte, trotz Verneinung, Hind´rung, Raubens, mit dem heitern Bild des Glaubens.“

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Ein Gedicht von Hafis auf dem Boden der Stühle

Sie hören hier das entscheidende Motiv, das heitere Bild des Glaubens. Goethe bewunderte Hafis, sein Freisein, seine innere Lauterkeit und zugleich seine Distanz zum kruden Frömmlertum: „Du bist der Freuden echte Dichterquelle, und ungezählt entfließt dir Well auf Welle… Und mag die ganze Welt versinken! Hafis, mit dir allein will ich wetteifern! Lust und Pein sei uns den Zwillingen gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein“. Endlich war ihm einer begegnet, für den Lebensfreude und Gottesliebe untrennbar zusammengehörten, einer, der nicht aufrechnete zwischen der Liebe zu Gott, der Liebe zur Natur, der Liebe zur Frau, der Liebe zur Liebe an sich. Dem Buch Hafis folgt im Divan das Buch der Liebe und später das Schenkenbuch. Beide Bücher feiern die Liebe und den Wein, die ihm doch und gerade Symbole der Gottesliebe sind, in und inmitten menschlichen Liebens und Genießens. Sie folgen in dichterischer Inspiration Hafis, folgen seinen Schmerzen und Freuden. Wunderbar der leichte Vers dem Buch der Liebe vorangestellt: Sage mir, was mein Herz begehrt, mein Herz ist bei dir, halt es wert. Goethe erinnert an die 6 musterbildenden Liebespaare der islamischen Dichtung um anzufügen: „Ja, Lieben ist ein großer Verdienst! Wer findet schöneren Gewinst? Du wirst nicht mächtig, wirstnicht reich, jedoch den größten Helden gleich. Man wird, so gut wie vom Propheten, von Wamik und von Asra reden.- Nicht reden wird man, wird sie nennen: Die Namen müssen allekennen. Was sie getan, was sie geübt, das weiß kein Mensch! Dass sie geliebt, das wissen wir. Genug gesagt, wenn man nach Wamik und Asra fragt.“

Goethe weiß aber auch:

„Wunderlichstes Buch der Bücher ist das Buch der Liebe; Aufmerksam hab ich’s gelesen: Wenig Blätter Freuden, Ganze Hefte Leiden … doch am Ende hast den rechten Weg gefunden“. Und aus dem Buch des Schenken sei angeführt:

„Trunken müssen wir alle sein! Jugend ist Trunkenheit ohne Wein; trinkt sich das Alter wieder zu Jugend, so ist es wundervolle Tugend. Für Sorgen sorgt das liebe Leben, und Sorgenbrecher sind die Reben… Meine Meinung ist nicht übertrieben: Wenn man nicht trinken kann, soll man nicht lieben; doch sollt ihr Trinker euch nicht besser dünken, wenn man nicht lieben kann, soll man nicht trinken“.

Hafis preist den Wein, der doch so strikt in der islamischen Welt verboten ist. Und Goethe dichtet in Hafisschem Geist:

„Ob der Koran von Ewigkeit sei? Danach frag ich nicht? Ob der Koran geschaffen sei? Das weiß ich nicht! Dass er das Buch der Bücher, glaub ich aus Mosleminenpflicht. Dass aber der Wein von Ewigkeit sei, daran zweifle ich nicht; oder dass er vor den Engeln geschaffen sei, ist vielleicht auch kein Gedicht. Der Trinkende, wie es auch immer sei, blickt Gott frischer ins Angesicht“.

Wie Goethe christlicher Erstarrung positive islamische Intentionen entgegenhält, hielt Hafis einst islamischer Erstarrung vorislamische positive Intentionen entgegen, indem er dem alten persischen Glauben Gehör verschaffte. Goethe hat es aufgenommen in seinem Buch der Parsen. Daraus der Schluss: Wenn der Mensch die Erde schätzet, weil die Sonne sie bescheinet, an der Rebe sich ergetzet, die dem scharfen Messer weinet, da sie fühlt, dass ihre Säfte, wohlgekocht, die Welt erquicken… Weiß er das der Glut zu danken, die das alles lässt gedeihen“. Die Glut ist Gottes schöpferisches Walten. Licht durchflutet die Welt. Des Menschen Sinn liegt darin:

„Gott auf seinem Throne zu erkennen, Ihn den Herrn des Lebensquells zu nennen, jenes hohen Anblicks wert zu handeln und in seinem Lichte fortzuwandeln… Und nun sei ein heiliges Vermächtnis brüderlichem Wollen und Gedächtnis: Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung“.

VIII. Goethes Begegnung mit Marianne von Willemer

Doch wie sehr sich Goethe Hafis nahe wusste, er erlebte in der Zeit seiner Begegnung mit Harfe das Glück einer späten sehr tiefen wie entsagungsvollen Altersliebe in der Liebe Marianne von Willemers. Sie ist die zweite Dichterquelle hinter und im Divan. Und so ließe sich auch diesseits der Fragen zum Islam der Divan lesen als ein in orientalisches Gewand gekleideter Zyklus von traumhaft schönen Liebesgedichten. Der Divan ist ein Preislied auf die Liebe in allen ihren Formen und das Buch Suleika das zentrale und das mit Abstand umfänglichste Buch im Divan. Suleika ist die Maske Marianne von Willemers, Goethe verbirgt sich in Hatem. Die beiden rufen einander in wunderbaren Versen: „Es wird nicht ganz verwerflich sein: Zu nehmen, zu geben des Glückes Gaben wird immer ein groß Vergnügen sein. Sich liebend aneinander zu laben wird Paradieses Wonne sein“. Hatem ruft: Nicht Gelegenheit macht Diebe, sie ist selbst der größte Dieb. Denn sie stahl den Rest der Liebe, die mir noch im Herzen blieb. Dir hat sie ihn übergeben, meines Lebens Vollgewinn, dass ich nun, verarmt, mein Leben, nur von dir gewärtig bin. Doch ich fühle schon Erbarmen im Karfunkel deines Blicks und erfreu in deinen Armen mich erneuerten Geschicks. Da antwortet Suleika: Hochbeglückt in deiner Liebe schelt ich nicht Gelegenheit. Ward sie auch an dir zum Diebe, wie mich solch ein Raub erfreut! … Scherze nicht! Nichts von Verarmen! Macht uns nicht die Liebe reich? Halt ich dich in meinen Armen, jedem Glück ist meines gleich.“ Zu den unvergänglichen Schätzen aus dem Buch Suleika gehört das Gedicht Gingo Biloba: „Dieses Baums Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut, gibt geheimen Sinn zu kosten, wie’s den Wissenden erbaut. Ist es ein lebendiges Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt? Solche Frage zu erwidern, fand ich wohl den rechten Sinn: Fühlst du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin“. Diese Liebesverse sind von der Einsicht getragen: „Denn das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist.“

Halten wir inne vor dem letzten Schritt: Ich könnte mit Ihnen die herrlichen Gedichte Selige Sehnsucht mit seinem Und so lang du das nicht hast, dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde, Wiederfinden oder Sommernacht aufmerksam hören und auslegen, Gedichte, die von großer Wirkung waren, vielgehört und vielbedacht, ich könnte auch den islamischen Spuren darin folgen. Stattdessen will ich mit dem letzten Gedicht aus dem Buch Suleika den Schluss-, vielleicht den Höhepunkt unserer Begegnung mit dieser westöstlichen Begegnung setzen:

IX. Goethes Preislied auf die Eine, unteilbare Liebe

„In tausend Formen magst du dich verstecken, doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich; Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken, Allgegenwärt’ge, gleich erkenn ich dich. An der Zypresse reinstem, jungen Streben, Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich; in des Kanales reinem Wellenleben, Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich. Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet, Allspielende, wie froh erkenn ich dich; wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet, Allmannigfalt’ge, dort erkenn ich dich. An des geblümten Schleiers Wiesenteppich, Allbuntbesternte; schön erkenn ich dich; und greift umher ein tausendarm’ger Eppich, o Allumklammernde, da kenn ich dich. Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet, gleich, Allerheiternde, begrü. ich dich, dann über mir der Himmel rein sich ründet, Allherzerweiternde, dann atm ich dich. Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne, Du Allbelehrende, kenn ich durch dich; und wenn ich Allahs Namenhundert nenne, mit jedem klingt ein Name nach für dich.“

 

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Goethes Haus in Weimar

Hier finden fast alle heute Abend benannten Motive zueinander: Gottesglaube, Naturfrömmigkeit, Liebe – Gott – die Transparenz der Dinge. Am Entstehungsdatum, dem 16.März 1815, notierte Goethe im Tagebuch den vorläufigen Titel für das Gedicht: Beinamen der Allgeliebten, während er es Ende Mai 1815 mit der Überschrift Allgegenwärtige versah. Beide versuchsweise gewählten Bezeichnungen, (im späteren Druck blieb es ohne Überschrift) deuten in dieselbe Richtung: durch einen – oder mehrere ‚Beinamen’ verherrlicht der Dichter seine Geliebte mit Anklängen an den muslimischen Rosenkranz. In der Aufzählung J.v.Hammers war der Beiname ‚der Allgegenwärtige’ an 49.Stelle zu finden. Die dem Dichter stets gegenwärtige Suleika wird demnach … mit einem der Attribute Allahs geschmückt. Eine Frau so auszuzeichnen zeugt allerdings von Kühnheit; darüber hinaus aber erfindet Goethe ganz eigene Beinamen für die Geliebte, die er den neunundneunzig Attributen des muslimischen Rosenkranzes dadurch angleicht, dass er sie wie diese mit der Silbe ‚All’ beginnen lässt. Sie erscheinen in sämtlichen geraden Versen der Goetheschen ‚Lob-und Preislitanei’, während in den ungeraden Versen die Formen der göttlichen Natur vor Augen geführt werden, unter denen sich die Geliebte dem Dichter zugleich verhüllt und offenbart: im Wachstum der Zypresse, im Wasserstrahl des Springbrunnens, in den Metamorphosen der Wolkenbildung, dem Blumenteppich der Wiese, dem um sich greifenden Efeu, dem Sonnenaufgang im Gebirge und schließlich in der Bläue des Himmels. Wie wir wissen, war Offenbarung des Göttlichen in der Natur wie im Menschen das zentrale Thema von Goethes dichterischem Werk. Man kann das Gedicht ‚In tausend Formen’ nicht gröber missverstehen, als wenn man glaubt, darin sei eine Parodie zu erkennen. Vielmehr drückt sich darin voll und ganz Goethes Art von Frömmigkeit aus, eine Frömmigkeit allerdings, die unseren gewohnten Vorstellungen von Notwendigkeit einer strikten Trennung von Gott, Mensch und Welt und einer peinlich gewahrten Unterscheidung von Profanem und Heiligem eklatant widerspricht. Nicht aus parodistischer Spottlust, sondern aus Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen, das sich dem analytischen Verstand entzieht, hat Goethe dessen Wirken wie in einem Spiegel in der Geliebten aufscheinen lassen. Wenn der Dichter die Geliebte in den allerschönsten Formen der Natur erkennt, so ist sie ihm Offenbarung des Göttlichen, so wie er auch die Sonne oder die wechselnden Wolkenbilder und andere ‚Zauberschleier’ der Natur als göttlich empfindet. Ein langjähriger Vertrauter Goethes, der gelehrte Altphilologe Riemer, bezeichnete des Dichters Liebe im West-östlichen Divan als ‚orientalisch mystisch’ und sah sie ‚einmal als Liebe zu Gott, dem Inbegriff des Wahren, Guten, Schönen; dann als Liebe zur Natur, insofern sie die von Gott durchdrungene Natur ist, in der Er eben sich gestaltet, dann als Liebe zur personifizierten, d.h. individualisierten konkreten, insofern sie in Frauengestalt, überhaupt in weiblicher Schönheit sich offenbart’. Das Ideelle, das ‚Göttliche’ unter weiblicher Form zu erleben, ist auch der Sinn des Gedichts mit dem das Buch der Betrachtungen schließt: Suleika spricht: Der Spiegel sagt mir ich bin schön! Ihr sagt: zu altern sei auch mein Geschick. Vor Gott muß alles ewig stehn, in mir liebt ihn für diesen Augenblick. Suleika lehrt den Dichter, in ihr stellvertretend Gott zu lieben! In diesem Sinne erscheint sie als ‚Allbelehrende’. Auf ihrer vergänglichen Schönheit liegt ein Abglanz der ewigen, göttlichen Schönheit. Darum dürfen Lob der Geliebten und Gotteslob miteinander verschmelzen“ (Mommsen, 194ff).

X. Schlußwort

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, doch was heißt hier nur: Im Nachlass fanden sich die Zeilen: Sollt’ ich nicht ein Gleichnis brauchen, wie es mir beliebt? Da uns Gott des Lebens Gleichnis in der Mücke gibt. Sollt’ ich nicht ein Gleichnis brauchen, wie es mir beliebt? Da mir Gott in Liebchens Augen sich im Gleichnis gibt. Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.

Das grandiose Alterswerk des deutschen Dichterfürsten ist ein eindrückliches Dokument einer West-Östlichen Begegnung, genauer die Antwort eines tief christlich geprägten bürgerlichen Menschen auf die islamische Kultur. Dieses Buch ist völlig Geist (Hugo von Hofmannsthal), erhelltes Leben. Denn das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist.

Dr. Dieter Koch
Fotos © MMertek

Literatur

  • W. von Goethe, West-östlicher Divan, hg. von H.-J.Weitz, it 75, 4.Aufl 1981.
  • C. Bürgel. Drei Hafis-Studien, Bern/Frankfurt, 1975.
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