Ich höre immer weniger Radio…

Ein kritischer Essay über die Pop-Musik

Schalte ich es ein, plärrt mir in sechs von zehn Fällen ein deutschsprachiger Popsong von Tim Bendzko, Namika, Revolverheld, oder anderen inzwischen namhaften deutschen Künstlern entgegen. Dabei höre ich doch gar keine Schlager – Verzeihung(!) – sondern deutsche Popmusik. Inzwischen zähle ich ja auch die Toten Hosen dazu… Was früher mal „Punk“ war, wirkt heute wie weichgespülte Schlagermusik á la carte. Texte, wie folgender Ausschnitt aus dem 2017 veröffentlichten Toten Hosen-Song „Alles passiert“, belegen, dass sie sich nahtlos in vorgenanntes Genre einreihen können:

„Ein letztes Lied, ein letzter Tanz
Ein Augenblick ganz ohne Glanz
Das Feuerwerk am Horizont
Malt unsre Schatten auf Beton
Kein Happyend, kein Hollywood
Alles passiert, wie es passieren muss.“
                                    Die Toten Hosen – Alles passiert (2017)

Ein Vergleich mit weiteren Songtexten drängt sich somit auf und dabei fällt auf, dass derartige Zeilen beispielsweise auch aus der Feder jener Künstlerin namens Helene Fischer stammen könnten, die ähnlich lautende oder – besser – klingende Texte verfasst, die heutzutage ebenso als „Mainstream“ gelten:

„Dieses „Weißt du noch“
Ist noch immer da
Ich hab’s nie bereut
Denn es war wunderbar
Schau mich nicht so an
Mir wird kalt und heiß
Doch ich geh allein
Weil ich einfach weiß.“
                     Helene Fischer – es gibt keinen Morgen danach (2006)

Gut, dies ist natürlich meine zunächst einmal völlig ureigene und persönliche Meinung, die ich hier niederschreibe, dass nämlich deutsche Interpreten nicht so erfolgreich sein könnten, wenn es kein Publikum gäbe, das Zugang zu dieser Musik besitzt. Aber ich finde darüber hinaus, dass es doch durchaus eine Vergleichsbasis gibt, zwischen modernen und zugleich international kompatiblen Schlagern sowie zwischen deutscher Popmusik grundlegend zu differenzieren. Es geht dabei oft thematisch – nein – fast ausschließlich um Sehnsüchte, die wir uns zu selten erfüllen, oder die wir uns nicht erfüllen können, um Alltägliches, mit dem sich jeder identifizieren kann. Wieso handelt es sich denn so oft in eben jenen Songtextpassagen etwa um lange Autofahrten, die den Rezipienten bzw. den adressierten Hörer ans Meer führen sollen?

Oder es geht um längst vergangene Zeiten und alte Freunde, weil ein Jeder das kennt. Jeder hat sowas schon erlebt und kann mitfühlen, oder in Erinnerungen schwelgen. Dadurch, dass jeder Mensch Zugang zu dieser Musik und zu diesen Texten hat, existieren aber auch leider kaum noch signifikante Unterschiede. Ich kann zum Beispiel nicht auseinanderhalten, ob es sich jetzt um Herrn Bendzko, Revolverheld oder Phillipp Poisel handelt, der mir da gerade mit hauchender Stimme ins Ohr säuselt, wie traurig das Leben doch ist, dass früher alles besser war, dass sie/er die Freunde von früher vermisst und, und, und… Die Texte, die Art der Musik und die dazugehörigen Interpreten scheinen jedoch leider austauschbar geworden. Früher, als ich Kind/Jugendlicher war, da hörte ich die Ärzte, es gab auch einige Lieder der Toten Hosen, die ich gut fand, aber ich war immer schon ein Ärztefreund. Und es gab zwei Lager: Man fand die Toten Hosen gut und die Ärzte schlecht, oder andersrum. Das war weder verhandel-, noch austauschbar. Denn man erkannte die Unterschiede schon innerhalb der ersten zwei Takte. Heute jedoch, da gibt es diese klare Trennung nicht mehr. Denn was ein Herr Bendzko singt, kann auch ein Revolverheld singen und man würde den Unterschied nur als Hardcorefan erkennen, denn die Unterschiede sind – meines Erachtens – minimal.

Ich sollte vielleicht auch ein Lied schreiben, um deutlich zu machen, wie besser alles früher war… Jazz, Blues, Latin, Soul, Funk, Rock und Pop als maßgebende Musikstile, aber eben auch vorbildhafte Bandikonen, wie die Ärzte geben dazu einigen Anlass zur Inspiration. Aber dazu bin ich nicht in der Lage. Also haben die genannten und von mir so kritisch betrachteten Interpreten doch eine Daseinsberechtigung im derzeitigen Musikbusiness, denn sie können Eines ganz besonders, nämlich Lieder schreiben. Und diese Lieder – egal wie man sie selbst auch findet –  erreichen die Menschen, die sie hören wollen. So geht es wohl den meisten von uns allen zumindest, auch wenn es nur scheinbar radiofähige Schlagermusik ist. Also werde ich auch in Zukunft die alten Klassiker meiner Kindheit und Jugend im Radio hören, oder auf Musikplattformen und einschlägige Onlinestreamingdienste ausweichen, die dann nur die Musik spielen, die ich hören möchte und wo ich das Radio gerade nicht ausschalten muss.

Sven Frey