Yeşilçay: Musik schafft einen Dialog, ohne miteinander sprachlich zu kommunizieren

Mehmet Yeşilçay bin ich auf eine Empfehlung von einem Freund begegnet. Schon bei unserem ersten Gespräch hatten wir eine solche Nähe einer gewissen engen seelischen Bindung erlebt, als ob wir seit etwa 40 Jahren miteinander befreundet wären. Woher kommt dies? Es sind nicht allein die Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen. Ich glaube, dass diese Vertrautheit im Umgang vor allem durch ein wichtiges Thema unseres Gespräches entstanden ist: die Kunst in all ihren Facetten, die Menschen gegenüber Anderen sensibler macht. Also durch so eine universelle Sprache sollen wir unsere Mitmenschen gleich welchen Lebensalters so sensibilisieren, damit man miteinander in diesem Sinne menschlich und geschwisterlich handeln kann: Ohne Vorurteile, ohne Schubladendenken, aber mit Anerkennung und Wertschätzung unabhängig von Nationalität und Religion.

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Yeşilçay macht Musik in einem treffenden Ton. Er versucht durch seine musikalische Kunst und Erfahrungen aus der Geschichte die Kulturen mit all ihren Differenzen zu verbinden. Schon beim ersten Gespräch war ich so begeistert, da er derart spannend über seine unterschiedlichen Projekte berichtet hat, sodass ich mit ihm unbedingt dieses Interview machen wollte. Denn heutzutage brauchen wir solche positiven Anregungen in Zeiten einer allgegenwärtigen Diskriminierung und der Feindseligkeit gegenüber kultureller Vielfalt.

Mehmet Yeşilçay hat meinen Vorschlag freundlicherweise angenommen. Dass man seine Anregungen, Projekte und aufrichtigen Bemühungen bekanntmachen sollte, dafür fühle ich mich verantwortlich. Themen wie musikalische Sozialisation, Musikerziehung, Musikkonsum Akkulturation und Identität sind in Zeiten einer vermeintlich übermächtig wirkenden technokratisch geprägten Digitalisierung des Lebens und der medienwirksam inszenierten sowie institutionell konstruierten Konfrontation der Kulturen wichtiger denn je. So können wir nunmehr demgegenüber als gewissermaßen einzige Chance diesen gesellschaftlichen Disparitäten entgegenwirkend mit all unseren humanistisch geprägten Kräften die Literatur sowie die Kunst und die Musik als komplementär bzw. sich ergänzende Komponenten eines friedlichen Miteinanders aller Menschen in den Vordergrund stellen. Ich hoffe, dass unser Gespräch mit Herrn Yeşilçay einen kleinen Beitrag dazu leistet.

Muhammet Mertek: Wer ist Mehmet Yeşilçay? Können Sie sich kurz vorstellen?

Mehmet Yeşilçay: Ich bin 1959 in Istanbul geboren und seit 1968 in Deutschland. Stamme aus einer sehr bekannten Familie aus Istanbul, dessen geistiger Führer mein Onkel Seyyid Nusret Yeşilçay war und der mich auf meiner musikalischen Laufbahn sehr geprägt hat. Durch meinen Onkel hatte ich den Zugang zu den großen Philosophen, Denkern und Meistern der traditionellen Musik der 70er und 80er Jahre. Später hatte ich das Glück den Oudvirtuosen und Komponisten Cinuçen Tanrikorur kennenzulernen, bei dem ich die türkische Laute Oud und türkische Musik studierte. In München studierte ich Wirtschaftsingenieurwesen und fing an, mich nebenbei intensiv mit der Musik Europas, auch mit dem musikalischen Repertoire des Mittelmeerraumes und des Orients zu beschäftigen. In ergänzenden Studien beschäftigte ich mich eingehend mit der europäischen Klassischen Musik. Ich arbeitete als Solist mit verschiedenen Ensembles wie Sarband, Concerto Köln undHespèrion XX unterJordi Savall zusammen. Produzierte viele CDs, konzertierte weltweit und komponierte Musik für verschiedene Besetzungen u.a auch Musik für Film, Werbung und Crossover und Elektronik. 2005 gründete ich das Pera Ensemble, dessen musikalischer und künstlerischer Leiter ich bis heute bin. Pera, benannt nach einem Istanbuler Stadtteil, der seit rund 2000 Jahren ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen ist,vereint international renommierte Spezialisten der historischen Aufführungspraxis aus Europa und die Elite der türkischen Kunstmusik. Zahlreiche CD-Aufnahmen dokumentieren meine Arbeit und die des Ensembles Pera und die musikalischen Entdeckungsreisen, bei denen die unterschiedlichsten musikalischen und kulturellen Identitäten ergründet werden sollen. Derzeit arbeite ich an verschiedenen neuen Projekten wie etwa „Hegire“, einer Vertonung von Gedichten Goethes, Rückerts und Rilkes für Kammerorchester und Solisten, sowie an der symphonischen Dichtung für Orchester, Chor und türkische Instrumente, „Istanbul“. Weltweit stehen Konzerte mit meinem Ensemble auf dem Programm, darunter ein Opernpasticcio „Tamerlano“ bei den Händelfestspielen in Halle. Seit 30 Jahren habe ich mich als Musiker, Forscher, Interpret und Ensembleleiter mit Leidenschaft dem musikalischen Repertoire aus Orient und Okzident, das vom 10. bis ins 19. Jahrhundert reicht gewidmet. Emotion und von schöpferischer Vitalität geprägte Arbeit mit ihrem grenzübergreifenden Charakter betont einerseits die Diversität der verschiedenen musikalischen und kulturellen Welten. Zugleich aber hebt es bestehende Gemeinsamkeiten hervor und macht den musikalischen Austausch zwischen Orient und Okzident zum Mittelpunkt meiner Arbeit. Als Ausdruck des europäischen Interesses am Orient, insbesondere der Kultur der Osmanen und deren Einfluss auf Kunst und Kultur, bezeichnet mit „Turquerie“ oder Türkenmode, fand diese Mode auch in der Musik seit dem 16. Jahrhundert in Europa starke Verbreitung. Ich fing an, musikalische Schnittpunkte zwischen Orient und Okzident zu suchen und fand heraus, dass besonders im Barock viele Gemeinsamkeiten existierten. Neben diesem historischen Repertoire fing ich selbst an, Musik zwischen Orient und Okzident zu komponieren. Mit den eigenen Arbeiten, wie etwa der Vertonung von Gedichten aus dem „West-östlichen Divan“ Johann Wolfgang von Goethes begann ich auch als zeitgenössischer Komponist in Erscheinung zu treten. Opernpasticcios und viel beachtete Programme wie „Café-Orient meets Occident“, „Baroque Oriental“, „Jerusalem“ oder „Music for the One God“ hatten Leuchtturmwirkung für den Dialog der Kulturen. 2016 fand die Welturaufführung seiner symphonischen Dichtung „DIASPORA- Lieder aus der Fremde“ statt, eine Komposition für großes Orchester und türkische Instrumente, durch die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz statt. Große Aufmerksamkeit fand auch ein von mir konzipiertes musikalisches Konzept unter dem Titel „Music for the One God“, bei dem die Musik der drei monotheistischen Weltreligionen von Muslimen, Juden und Christen erklang. Werke von Hildegard von Bingen, Bach, Schütz, Vivaldi und Pergolesi erklangen, neben byzantinischer und armenischer Kirchenmusik, aramäischen Kirchengesängen, sephardisch-jüdischer Synagogalmusik und Sufimusik. „Music for the one God“, das von der EU gefördert und finanziert wurde, wurde mehrmals aufgeführt, unter anderem in der Hagia Irenain Istanbul sowie in der Philharmonie München. Meine Arbeit und das Pera-Ensemble wurde mit dem „Echo Klassik“ in der Sparte „Klassik ohne Grenzen“ sowie mit der Verleihung des Bayerischen Integrationspreises geehrt. Soviel in Kürze die Arbeit von 40 Jahren als Musiker.

Mertek: Sie sind der Gründer von Pera-Ensemble. Was war der Anlass dieser Gründung? Können Sie Ihr Ensemble etwas ausführlicher darstellen?

Yeşilçay: Das Pera Ensemble steht für die Musik der Epoche vom 14. bis 20. Jahrhundert. Bei der Musik des Barock ist zu erwähnen, dass es viele Opern, Instrumentalwerke und Tänze gibt, die die Türkenmode in der Musik reflektieren. Seit der Eroberung Konstantinopels 1453 entstand ein reger Handel zwischen Venedig und der Hohen Pforte in Istanbul. Die in Europa hochgerühmte Roxelane, Frau des Sultan Süleyman des Prächtigen (1494-1566) dessen Figur als Vorlage für viele Opern (Solimano von Hasse, Seiroli, Perez, Errichelli, Galuppi, Ferradini u.a) diente, verheiratete ihren Sohn Selim mit Nurbanu Sultan, eine gebürtige adlige Venezianerin, mit dem Namen Cecilia Baffo. Sie wurde als Kind von türkischen Piraten verschleppt und landete am Ende im Harem des Sultans, wo sie eine hervorragende Erziehung in Kunst, Literatur, Musik und anderen Wissenschaften genoss. Zu besonderen Anlässen werden die großen Komponisten in Venedig, Paris und Istanbul beauftragt, Musik zu komponieren. Maskenbälle sind an allen Höfen beliebt. Viele Komponisten erhalten einen Auftrag eine Oper, Ballette und Kantaten für den Karneval zu schreiben. Man kann wirklich behaupten, dass zu dieser Zeit beinahe jede zweite Oper zum Karneval aufgeführt wurde. Viele dieser Opern wie Cesti’s La Dori enthalten Moresken und türkische Ballette. Die Faszination für den Orient und die Vision und der Traum in den Köpfen der Europäer vom exotischen Harem waren der Antrieb für viele Komponisten. Cavalli’s L’Ormindo, in dem zum ersten mal in der Rolle des Schurken eine Türkenfigur Osmano auftaucht, und es folgen Dutzende von Türkenopernin ganz Europa: Händel/Tamerlano, Vivaldi/Bajazet, Bernasconi/Bajazet, Leonardo/Bajazet, Piccinini/Il finto Turco, Franck/Cara Mustafa, um hier nur ein paar zu aufzuführen. Marco da Gagliano‘s Ballo di Donne Turche enthält Szenen aus dem Harem. Moresken von Monteverdi in Orfeo oder Praetorius oder Lambranzis Beschreibung von türkischen Tänzen, Polonaisen, Marschtänze, Schautänze um nur einige hier zu nennen. Hinzu kommt, daß große bekannte Künstler wie Cervantes, Leonardo da Vinci, Johann Jakob Bach, der in Istanbul Flötenunterricht von Pierre Gabriel Bufferdin bekommt oder Madame Montague, die in ihren Briefen über ihre Reise in den Orient erzählt, über die Türken berichten. Viele unzählige Reisende, Botschafter, Geistliche und auch Sklaven und Gefangene bringen Bilder und ihre Erfahrungen über das osmanische Reich in den Westen. Wojciech Bobowski alias Ali Ufki (1610-1675), ein polnischer Hugenotte, der als Sklave am osmanischen Hof lebt, schreibt ein Buch über das Leben im Serail, das als Standardwerk über die Türken betrachtet wird. Seine Sammlung über türkische Musik und Kompositionen stellen ein einzigartiges Beispiel für eine Begegnung von Kulturen und Religionen dar. Wie in Venedig, Dresden, London und Paris, wo der Carneval mit viel Aufwand und Raffinesse gefeiert wird, sind die Feste im Serail oft die Vorlage oder Vorbild für Feierlichkeiten wie für die Hochzeit von Dresden 1719. August der Starke, dessen Türkenbegeisterung nicht nur durch seine Geliebte Fatima, Kaffee und sein Janitscharenorchester zum Ausdruck kam, welches bei allen wichtigen Gelegenheiten musizierte, ließ 1719 bei der Hochzeit seines Sohnes mit Maria Josepha ein türkisches Fest ausrichten, ganz nach osmanischem Vorbild. Orient und Okzident versuchten sich mit Prunk zu übertrumpfen: Türkische Mode in der Musik, Kleidung, türkische Lebensart nachempfinden mit Café serviert im Serail, Pavillons und Salons der feinen Gesellschaft. Heute sind diese Beispiele außerordentlich wichtig, um den Dialog zwischen Kulturen und Religionen neu zu entfachen. Goethes Gedichtausschnitt aus dem west-östlichen Divan „WER SICH SELBST UND ANDERE KENNT, WIRD AUCH HIER ERKENNEN: ORIENT UND OKZIDENT SIND NICHT MEHR ZU TRENNEN“ steht für die Philosophie unseres Ensembles. Zu Unrecht vergessen geratene Werke des Alla Turca wieder auf die Bühne zu bringen, um den Wert dieser Aussage in der Musik zu reflektieren. Wir sind Musiker und können nur mit dieser Sprache gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorgehen. Das Ensemble ist international besetzt. Musiker aus Deutschland, Türkei, Italien, Spanien, Russland, Georgien, Armenien, Griechenland und andere sind hier beteiligt. Die Formation ändert sich von sechs Musikern bis zu einer Besetzung („Music for the One God“) mit großen Chören von bis zu 150 Musikern.

Mertek: Sie haben ein neues Projekt „Divan“. Zum ersten Mal haben Sie einige Gedichte von Goethe komponiert. Was ist Ihr Ziel damit?

Yeşilçay: Zum ersten ist 2019 die 200 Jahresfeier der Veröffentlichung des west-östlichen Divans auf der Agenda. Hinzu kommt, dass ich mich schon seit meiner Kindheit mit dem Divan Goethes beschäftige. Erst die Bücher und Erläuterungen von Prof. Mommsen haben mir neue Perspektiven eröffnet. Ich hatte auch das Glück, Frau Annemarie Schimmel kennenzulernen. Aber erst die Bekanntschaft mit Senail Özkan, der 2008 den Divan ins Türkische übersetzt und mit seinen Erläuterungen eine bisher unbekannte Welt Goethes dem Leser nahegebracht hat, eröffnete mir neue Perspektiven. Man wusste z.B., dass das Eröffnungsgedicht, Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident, aus dem Koran von Goethe übernommen wurde (Sura Baqara 115), aber die Nähe Goethes zum Islam und dem Propheten Muhammed durchdringt das Ganze Werk. Goethe ist einzigartig in dieser Beziehung, da seine Sichtweise fundiert ist und nicht im Stil der Orientalisten reine profane Exotismen bedient. Er schreibt: Wenn Islam Gott ergeben heißt / Im Islam leben und sterben wir alle! Dem großen Deutschen kann sich niemand entziehen, aber man kann seine Werke ignorieren oder vergessen. Seine Nähe zum Islam ist schon zu seinen Lebzeiten wie heute von gewissen Gruppierungen in Deutschland nicht erwünscht gewesen. Seine Ode an den Propheten Muhammed schrieb der 23-jährige Goethe, die sogar bei vielen Germanisten unbekannt ist. Als ich vor 2 Jahren anfing, Partner in Deutschland für die 200 Jahresfeier zu suchen, bin ich auf Ignoranz von allen Seiten gestoßen. Weder das Goethe Institut noch Institutionen, wie die Kulturstiftung des Bundes, waren an meinem Divan-Projekt interessiert. Das gab mir den letzten Kick, mit eigenen Mitteln Goethes Werk zu ehren. So kamen letztes Jahr die Zustimmungen von freien Organisationen wie „respect us“ oder den Münchner Symphonikern, die das Projekt unterstützen und wir gemeinsam das Konzert in der Münchner Philharmonie organisiert haben. Es musste schon ein Türke herkommen, der Goethes Werk mit einer Komposition ehrt… sehr sonderbar. Sonderbar auch, dass der west-östliche Divan bisher nie als ein zusammenhängendes Werk komponiert wurde. Es gibt nur einzelne Gedichte, die von Komponisten vertont wurden. Ich sehe das als große Ehre für mich, dass ein Türke der ersten Generation in Deutschland sich gewagt hat, alle 12 Bücher des west-östlichen Divans von Goethe in ein großes sinfonisches Werk einzubauen. Ich habe eine Auswahl aus diesen 12 Büchern genommen, da die Komposition sonst viel zu lange geworden wäre. Ich plane aber nach und nach alle Gedichte zu komponieren und in einer Liedersammlung zusammenzufassen.

Mertek: Am 26.10.2019 wird ein Jubiläumskonzert mit dem Namen „Goethe verbindet“ 200 Jahre „West-östlicher Divan“ in der Philharmonie im Gasteig/München stattfinden. Das Konzertprojekt, das orientalische Klänge mit symphonischer Musik verbindet, wurde ja von Ihnen initiiert und komponiert. Wie sind Sie darauf gekommen? Können Sie die Bedeutung dieses Projekts etwas näher erläutern? 

Yeşilçay: Ich bin ja in der Musik zwischen Orient und Okzident auch als Komponist fest behaftet. Habe davor 2016 eine Auftragskomposition der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eine sinfonische Dichtung mit dem Titel Diaspora-Lieder aus der Fremde, für großes Orchester und türkische Instrumente komponiert. Es ging inhaltlich um ein kleines Mädchen, das mit ihrer Familie aus Aleppo nach Deutschland flieht. Die Musik beschreibt, ihren Fluchtweg und ihre traumatischen Erlebnisse. Ebenso die „Willkommenskultur“, die sie auf verschiedener Weise erlebt. Diaspora war der AFD in Ludwigshafen, wo das Werk mehrmals aufgeführt hatte ein Dorn im Auge, was einen Streit zwischen den Parteien auslöste und Diaspora für Schlagzeilen sorgte. Zum Glück wurde die Musik von vielen, besonders von Schülern, für die wir die Komposition in Schulkonzerten aufgeführt haben, sehr positiv aufgenommen. Diesen musikalischen Stil verfolge ich ja schon seit 40 Jahren. Ich fing mit dem Ensemble Sarband in den 80er Jahren an, Musik des Mittelalters mit Instrumenten aus Orient und Okzident auf die Bühne zu bringen. Man muss vielleicht darauf hinweisen, dass alle heute bekannten europäischen Instrumente ihre Wurzeln im Orient haben. Der Orient war zwischen dem 8. und 14. Jahrhundert in Wissenschaften und Kunst um Galaxien weiter als der Westen. Die Alten Philosophen, wie Plato und Sokrates, wurden bereits im 8. Jahrhundert von den Arabern aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt. Dann im 13. Jahrhundert vom Arabischen ins Lateinische. So bildete sich, was heute als Europäische Kultur bezeichnet wird, mit Hilfe der Araber. Ohne diese Übersetzungen der arabischen Werke wäre das dunkle Mittelalter in Europa wahrscheinlich noch dunkler. Medizin, Astrologie, Mathematik und Grundlagen der Wissenschaften wurden mit Hilfe der muslimischen Quellen in Europa weiterentwickelt. Somit besteht schon im Kern eine enge Beziehung zwischen Ost und West. Weiter geht es mit den Osmanen, die ab dem 13. Jahrhundert in der Weltgeschichte und in den Machtverhältnissen rund um die Levante eine wichtige Rolle einnehmen. 1719 feiert August der Starke in Dresden die Hochzeit seines Sohnes mit der österreichischen Prinzessin nach türkischer Manier. Er trägt osmanische Kostüme, ist begeistert von der Lebensweise der Türken, hat eine türkische Geliebte Namens Fatima, die zwei anerkannte Kinder von ihm hat (somit auch in der Ahnenfolge von August). Er trinkt mit ihr türkischen Kaffee und hört Opern, die im Stile Alla Turca komponiert sind. Eine eigene Janitscharenkapelle gibt dem Ganzen noch den richtigen Status. So kann man sich nun fragen, ob heute die grölende Menge von Rassisten, Antisemitisten und Islamhassern in Dresden wissen, wie ihr Landesvater August seine Türkenbegeisterung zeigte. Er feierte diese orientalische Hochzeit nach verschiedenen Mottos aus der Astrologie. Ich habe vor Jahren ein Programm unter dem Titel „Diana unter dem Halbmond“ zusammengestellt, dass wunderbar die Türkenmode in Dresden musikalisch aufzeigt. Trotz der Verhältnisse in Dresden haben leider die Festivals und die Oper in Dresden dieses wichtige Ereignis 1719, mit 300 Jahresfeier 2019 nicht interessiert. In den letzten Jahren seit der Wiedervereinigung muss ich leider mit der Ignoranz vieler Einrichtungen, besonders im Osten, leben. Dialog ist den meisten immer noch ein Fremdwort, Lösungsvorschläge nur Lippenbekenntnisse. Es gibt hunderte weitere Geschichten, die in Europa diese Begeisterung widerspiegeln. Heute ist nur Mozarts Entführung aus dem Serail bekannt. Jedoch gibt es hunderte Werke anderer Komponisten ab dem 15. Jahrhundert, die diese Türkenmode Alla Turca reflektieren. So sehe ich meine Aufgabe, dass ich diese Werke ausgrabe und wieder der Öffentlichkeit nahebringe. Ich bin der Sohn einer Migrantenfamilie der ersten Generation, der in sich schon Ost und West verbindet, und beide Welten gut kennt; natürlich lebt meine eigene Musik und Kompositionen diese Symbiose der verschiedenen Kulturen. Meine eigene Identität ist die Quelle meiner Inspiration. Ich bin Deutscher, lasse mich aber nicht assimilieren, Türke, in dieser Kultur geboren und fest behaftet, Europäer.. 

Mertek: Es läuft ja ein konzertpädagogisches Projekt mit dem Namen „Lieder aus der Fremde“ und Goethes „West-östlicher Divan“ an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wo Sie auch eingebunden sind. So wird das Ziel in der Projektbeschreibung der Hochschule dargestellt, was ich großartig finde: „In den kommenden Jahren entwickelt die Pädagogische Hochschule Musikvermittlungskonzepte, die anschließend Institutionen wie Schulen, Musikschulen und anderen musikpädagogischen Einrichtungen bei der Umsetzung transkultureller Inhalte behilflich sein können. Damit wird eine wertschätzende Haltung fremden Musikpraxen gegenüber gefördert und Kindern aus anderen Kulturen langfristig die Möglichkeit gegeben, sich durch Kunst und Musik auszudrücken und ihre eigenen Traditionen im öffentlichen Raum zu zeigen.“ Was sagen Sie dazu?

Yeşilçay: Daraus entstand dann ein eigenes Projekt bei der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wo meine Werke Diaspora und Divan im Rahmen BMBF geförderten Vorhabens TRANSFERS TOGETHER den Kern für neue Konzepte an den Hochschulen bilden. Diese Modelle sollen dabei so weit wie möglich für Verbindungen und Assoziationen über musikalische Zugänge hinaus geöffnet werden, sodass auch thematisch-praktische Bezüge zur Darstellenden Kunst, sowie zu Literatur und Theater geknüpft werden können. Im Konzept der PH steht: Dieses Miteinander soll als bereichernde Praxis für Kinder und Jugendliche erlebbar gemacht werden. Eine musikalische Sozialisierung muss heute die Fähigkeit vermitteln, sich im Spannungsfeld der verschiedenen Kulturen respektvoll und bewusst bewegen zu können. Mehmet Yesilcays Werk eignet sich außerordentlich für eine solche Arbeit, weil er es schafft, aufbauend auf seiner eigenen interkulturellen Identität, künstlerisch auszudrücken, welche Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch welche Spannungen in einer kulturübergreifenden Arbeitsweise liegen. Seine Musik wird dadurch nicht nur zu einem Spiegel der Gesellschaft, sondern zeigt darüber hinaus, wie sich kultureller Reichtum im gemeinsamen, vorurteilsfreien Handeln entfalten kann. Im Rahmen des konzertpädagogischen Projektes sollen zahlreiche experimentelle Settings geschaffen werden, die eine kunstspartenübergreifende Auseinandersetzung mit Goethes Divan in den Fokus rücken. Auch das Erlernen orientalischer Musikinstrumente soll Teil des Projekts werden. Als reale Alternative oder Ergänzung zum Erlernen der europäischen Orchesterinstrumente, kann es dazu beitragen, eine fremde Musikkultur zu integrieren und ihre Akzeptanz zu fördern. Die konzertpädagogischen Aktivitäten werden in die öffentlichen Aufführungen des Werkes von Mehmet Yesilcay eingebunden sein und so für ein breites Publikum sichtbar gemacht. Im Zusammenwirken von künstlerischer und pädagogischer Arbeit liegt ein großes Potential begründet, das vor allem in diesem grenzübergreifenden Kontext optimal genutzt werden kann. So habe ich verschiedene Versionen (große Orchesterversion, Kammermusikversion und Klavierfassung) von der Komposition Divan erstellt, um dieses Werk neben großen Sälen auch in kleinere und in die Schulen zu bringen. Es sind ebenso Kinderlieder, ein Kinderprogramm und ein Theaterstück geplant, die aus meiner Komposition erstehen soll. Das Werk soll auch Ende 2019 in Istanbul in türkischer Sprache aufgeführt werden. Der Untertitel von Divan ist: Goethe verbindet. Das ist eigentlich die Kernaussage meiner Komposition und meiner Arbeit.

Mertek: Sie interpretieren oder komponieren ja viele Gedichte aus der Geschichte im interkulturellen oder interreligiösen Kontext. Können Sie ein Paar Beispiele geben?

Yeşilçay: Nächstes Jahr ist der 1450. Geburtstag des Propheten Muhammad. Goethe schrieb, die Ode Mahomet, von Friedrich Rückert und Rilke gibt es sehr schöne Gedichte über den Propheten. Am 18. April 2020 wird meine neue Komposition mit dem Titel „Hegire-Hicret“ für Kammerorchester, türkische Instrumente und Solisten bei dem Festival Heidelberger Frühling als Welturaufführung auf die Bühne kommen. Muhammad Iqbal, meiner Ansicht nach einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, studierte in München und Heidelberg. Es gibt von ihm eine Antwort auf den west-östlichen Divan von Goethe. Goethe und der Dichterphilosoph Mevlana Dschelaleddin Rumi im Himmel, in einem Dialog belauscht von Muhammad Iqbal, dem Brückenbauer zwischen Ost und West. Dieses himmlische Gespräch zwischen Goethe und Rumi wird von Iqbal in seinem Werk Botschaft des Ostens zu Papier gebracht. Ich werde ebenso Teile aus Iqbals Gedicht in das Werk einfließen lassen.

Mertek: Was würden Sie über die Musik und Identität sagen?

Yeşilçay: Ohne Identität ist Musik nicht zu denken. Der große Philosoph und Mystiker Rumi schreibt: „Musik ist das Knarren der Pforten des Paradieses“. Musik ist eine göttliche Sprache, die den Menschen an seinen Ursprung erinnern soll. Das wäre die philosophische Erklärung. Heute im Alltag ist durch die Veränderung der Gesellschaften wichtig, ein Bewusstsein für ein eigenes „Ich“ zu schaffen. Eine Assimilation des Anderen in der Massengesellschaft ohne Divergenzen halte ich für sehr gefährlich. Musik dient dazu, sein Eigenes, Inneres und ein kultureigenes authentisches Profil zu fördern. Musik schafft aber auch eine Basis für einen Dialog, ohne miteinander sprachlich zu kommunizieren. Ich habe in meiner langjährigen Laufbahn mehrmals erlebt, dass Musik Menschen einander näherbringt, die sonst nie miteinander reden würden, sogar verfeindet sind.

Mertek: Wie ist das Interesse der Jugendlichen an Ihrer Musik? Wie sehen Sie heute den Musikkonsum der Jugendlichen?

Yeşilçay: Leider muss man sagen, dass die meisten Konzerthäuser, sich auf die alternde Gesellschaft eingestellt haben, und Jugendliche komplett vergessen haben. Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund, die auch die Masse der Jugendlichen ausmachen, haben keinen Zugang zu den Konzertsälen und Konzerten im Bereich klassischer Musik. Die Hochburgen und Kulturtempel sind leider nicht für sie gemacht, sind sogar abschreckend. Die Politik ist gefragt. Es sind Lösungen zu finden, die Kultur und Musik zum Grundrecht machen sollten, wenn man nicht will, dass in Zukunft eine große Bevölkerungsgruppe, weder Goethe, Mozart noch Beethoven kennt. Für die jugendlichen türkischen Migranten ist es besonders wichtig auch die Kultur der Heimat ihrer Eltern zu kennen. Dies muss heraus aus den Vereinen und muss einen Platz in den Hochschulen und Universitäten in Deutschland finden. Im Musikstudium sollten Fächer über orientalische Musik und Theorie angeboten werden. Die Welt kann nur Harmonie und Frieden in einer Welt finden, wo wir uns mit Respekt auf Augenhöhe treffen und kommunizieren. Die Zukunft gehört der Jugend, wir haben die Verantwortung, Türen zu öffnen, und ihnen Möglichkeiten und Chancengleichheit (besonders der türkischen Jugendlichen in Deutschland) zu sichern. Wenn dieses Gleichgewicht der Generationen nicht ernst genommen wird, werden wir Probleme in der Zukunft bekommen, die nicht mehr zu bewältigen sind. Besonders ein großer Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (ich bin immer wieder erstaunt, wie daneben diese Definition ist) beherrschen weder die deutsche Sprache noch die Sprache ihrer Eltern. Kultur, Kunst und Musik geht an ihnen vorbei. Anstatt dessen findet man Zuflucht in einer Subkultur, ein „Zuhause“, wo man eigene Helden außerhalb der Gesellschaft zur Findung einer Identität schafft, da die Politik leider immer wieder versagt und diesen jungen Menschen keine Perspektive bietet. Musik kann hier sehr hilfreich sein…

Mertek: Vielen Dank für Ihr sehr informatives und horizonterweiterndes Gespräch mit sinfonie-interkulturell.de. Ich wünsche Ihnen heute schon ein erfolgreiches Jubiläumskonzert mit dem Namen „Goethe verbindet“ gegen Ende Oktober in München.

Yeşilçay: Gerne. Ich danke auch für Ihre Mühen.

Das Interview wurde am 27. Juli 2019 vom Muhammet Mertek geführt.

Plakat und Flyer des Jubiläumskonzerts „Goethe verbindet“ am 26.10.2019: 
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