Auf den Spuren verbrannter Bücher

Fotos: Selahattin Sevi

Die Literaturpädagogin und Schriftstellerin Heike Wulf macht es sich seit etwa zehn Jahren zur Aufgabe, an die von Nazis verfolgten Schriftsteller zu erinnern und führt in diesem Sinne viele Aktivitäten. Eine ihrer Veranstaltungen in diesem Rahmen war die „Gedenktour“ in Dortmund, die von der Friedrich-Naumann-Stiftung organisiert wurde. Der Treffpunkt von ca. 20 TeilnehmerInnen war direkt an der Mayersche-Buchhandlung im Zentrum Dortmunds.

 

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Offensichtlich wurde die Buchhandlung bewusst ausgewählt. Denn im zweistündigen Programm war auch der Ort, auf dem im Mai 1933 vom NS-Regime Bücher verbrannt wurden, ein paar Straßen weiter zu sehen. Seit 2011 forscht Wulf über Autoren und wichtige Persönlichkeiten, die hauptsächlich während der Nazizeit verfolgt wurden. Sie folgte einer Route von den rassistischen Angriffen der heutigen Neonazis in den letzten Jahren hin zur Barbarei der Nazis. Einige der Eckpunkte der Tour in dieser Stadt, die als eine der Hochburgen der Neonazis in Deutschland gilt, haben greifbar zum Nachdenken angeregt.

 

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Die erste Station war zum Beispiel der Ort, an dem der Punk Thomas Schulz vor etwa 15 Jahren von einem Neonazi namens Sven Kalin erstochen wurde. Diese Person wird ca. fünf Jahre später freigelassen und begeht dann einen weiteren Anschlag in einer Kneipe in der Brückstraße, dem Treffpunkt der Linken.

Wir hielten an dem Ort an, an dem sich eine Neonazi-Gruppe von ca. 400 Menschen in der Nähe vom Dortmunder Hauptbahnhof versammelten. Angegriffen haben sie dann später ca. 2800 Menschen, die an den von der DGB organisierten Feierlichkeiten am 1. Mai (2009) in der Hansastraße und am Platz der Alten Synagoge teilnahmen. Bei dem Vorfall wurden 9 Polizeifahrzeuge zerstört und rund 50 Polizisten verletzt. Ferner wurde ein Sachschaden von 30.000€ verursacht und mindestens ein Demonstrationsteilnehmer verletzt.

 

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Besucht haben wir auch das Denkmal, das in Erinnerung an die 10 Morde von NSU errichtet wurde. Die meisten waren türkischer Herkunft, darunter auch Mehmet Kubasık aus Dortmund. Das Denkmal befindet sich vor dem Museum direkt hinter dem Dortmunder Hauptbahnhof.

 

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Einer der Höhepunkte der Route war der Ort an der Hansastraße, auf dem die Bücher am 30. Mai 1933 verbrannt wurden. Der berühmte Spruch des Dichters Heinrich Heine, der 100 Jahren vor den Nazis die unvorstellbare Barbarei voraussagte, ist auf dem Denkmal am Boden zu lesen: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Eine der Stationen war das Einkaufszentrum Hertie, das 1884 im Namen des jüdischen Geschäftsmannes Hermann Tietz gegründet wurde. Am Standort dieses Geschäfts ist derzeit Peek & Cloppenburg in Betrieb. Das Unternehmen Hertie gehörte einer Familie, die damals über das größte Kapital in Europa verfügte. Als die Nazis 1933 begannen, jüdisches Eigentum zu enteignen, erhielt auch diese Firma ihren Anteil.

 

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Im letzten Teil gab es den Ort, an dem die jüdische Familie Meyer an einem Ort namens Heiliger Weg lebte. Die Eltern, die ihre Kinder nach England schickten, wurden in einem Konzentrationslager getötet. Dort wurden Juden an einem ehemaligen Wasserturm des Südbahnhofs zusammengepfercht und in Konzentrationslager gebracht, wo sie brutal ermordet wurden. Die jüdische Gemeinde, die derzeit mehr als 4000 Mitglieder hat und 24 Stunden lang beschützt wird, ist von weitem zu sehen.

 

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In dieser kurzen Tour würden alle bestimmt die gleichen Fragen stellen: Wie kommt es, dass es in so einem Land wie Deutschland, wo große Barbarei und Brutalität begangen wurde, es soviel Vergangenheitsbewältigung gab, wieder so viele Neonazis ihre Aktivitäten fortsetzen? Wie kommt es, dass eine rassistische, demokratiefeindliche Partei wie AFD, die trotz allem immer noch das Erbe dieser Barbarei übernehmen möchte, 10 Prozent der Wählerstimmen in vielen Bundesländern und sogar mehr als 20 Prozent in einigen Regionen bekommen kann? Wie kommt es, dass Rassismus und Nationalismus, eine der schwer heilbaren Krankheiten in der Geschichte, wieder in so einer Gesellschaft existieren können?

 

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Eine der wichtigsten Möglichkeiten, diese Barbarei zu verhindern, ist die Organisation solcher Gedenktoure und einer nachhaltigen Erinnerungskultur. Die Friedrich-Naumann- Stiftung verdient auf jeden Fall für die Unterstützung solcher Aktivitäten großen Dank.

„Seit 2011 habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, an die verfolgten Autoren zu erinnern, damit ihre Schicksale nicht vergessen werden!“, so erklärt Heike Wulf ihr Anliegen in der Broschüre, die sie für die Präsentationsreihe vorbereitet hat. Sie gibt Beispiele Ihres Portfolios. Diese Vortragsreihen können bei ihr gebucht werden:

Anna Seghers: 1900 wird Anna Seghers als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie war Tochter des jüdischen Kunsthändlers Isidor Reiling und dessen Frau Hedwig. Im Ersten Weltkrieg leistete sie Kriegshilfsdienste. Später studiert sie Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie (Chinakunde) und Philologie (Sprachwissenschaft) in Köln und Heidelberg. Sie beendet ihr Studium mit einer Promotion über „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“. Mit 24 schreibt sie ihre erste Geschichte, die erst posthum veröffentlicht wurde. Bereits 1932 warnt sie in ihrem Roman „Die Gefährten“ vor der Gefahr des Faschismus in Deutschland. Als Jüdin und Kommunistin kommt sie schnell auf die schwarze Liste.

Maria Leitner, geboren 1892, entstammte einer deutschsprachigen Familie und wuchs in Budapest auf. 1925 reiste sie im Auftrag des Ullstein Verlages in die USA. Drei Jahre lang durchquerte sie den amerikanischen Kontinent. Sie schrieb ihre Artikel nicht wie eine Journalistin mit dem Blick von außen auf das Geschehen, sondern sie lieferte eine Innenansicht: Sie nahm 80 verschiedene Stellen an, um aus eigener Erfahrung über die Arbeitsbedingungen der Menschen zu informieren.

Hermynia zur Mühlen wurde in Wien geboren. Sie lebte zeitweise in Konstantinopel, Lissabon, Mailand und Florenz und erlernte zahlreiche Sprachen. Nach dem Examen als Volksschullehrerin arbeitete sie in einer Buchdruckerei. Nach einer unglücklichen Ehe mit Victor von Mühlen ließ sie sich scheiden. 1919 trat sie der KPD bei. Zusammen mit dem jüdischen Übersetzer und Journalisten Stefan Isidor Klein lebte sie in Frankfurt am Main und Berlin. 1934 erschien der Roman „Unsere Töchter, die Nazinen“, der auf die schwarze Liste kam.

„Die“ Weiße Rose: Schon oft wurde über die „Weiße Rose“ berichtet. Jeder denkt dabei sofort an die berühmten Geschwister Sophie und Hans Scholl. Aber wer waren die anderen Mitglieder und was hat sie alle dazu gebracht, Widerstand zu leisten?

Lou Andreas-Salomé, 1861 in St. Petersburg geboren war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Die Art ihrer persönlichen Beziehungen zu prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens – in erster Linie zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud – war und ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen.

Irmgard Keun wurde 1905 in Berlin-Charlottenburg geboren, aufgewachsen ist sie in Köln. Ausbildung als Stenotypistin. Es zog sie schon früh auf die Bühne. Als Schauspielerin hatte sie wenig Erfolg und es war Alfred Döblin, der ihr riet zu schreiben. So entstand „Gilgi – eine von uns“ und machte Irmgard Keun, 26-jährig, über Nacht berühmt. Der zweite Roman „Das kunstseidene Mädchen“, aus dem Jahre 1932, der humorvoll daherkommt, aber gesellschaftskritisch die schwierigen Zeiten für das einfache Volk beschreibt, wurde ein Verkaufsschlager und mehrfach übersetzt.

Bertha von Suttner: Die adlige Österreicherin Bertha von Suttner (1843-1914) war eine Pazifistin, Friedensforscherin, Reisejournalistin und Schriftstellerin. Mit ihrem 1889 erschienenen Roman: „Die Waffen nieder!“, wurde sie zur Ikone der Friedensbewegung und später Präsidentin der Gesellschaft der Friedensfreunde und Vizepräsidentin des internationalen Friedensbüros. Sie gründete die Deutsche Friedensgesellschaft. 1899 war sie an den Vorbereitungen zur ersten Haager Friedenskonferenz in Den Haag beteiligt, wo unter anderem die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts behandelt wurde. 1904 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis.

Irène Némirovsky, geboren 1903, als Tochter eines reichen russisch-jüdischen Bankiers in Kiew. Vor der Oktoberrevolution flieht die Familie nach Paris. Irene heiratet den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekommt zwei Töchter und veröffentlicht ihren Roman “David Golder”, der sie schlagartig berühmt und zum Star der Pariser Literaturszene macht. Viele weitere Veröffentlichungen folgen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht und die Deutschen auf Paris marschieren, flieht sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Als Jüdin erhält sie während der Besetzung der Nazis Veröffentlichungsverbot.

Muhammet Mertek