Der Weizen gedeiht im Süden

Vor zwei Jahren besichtigte ich einen Stasi-Bunker im Thüringischer Wald in der Nähe von Stützerbach. Getarnt mit einer Wasserwirtschaftsanlage baute die Stasi 1975 diesen extrem geheimen und damals modernsten Bunker. Auch für den Schutz vor einem möglichen Atomkrieg wurden einige Maßnahmen getroffen: Der Hauptgang konnte erst nach drei Stationen betreten werden, wenn man ganz frei von giftigen oder radioaktiven Substanzen war. Etwa 130 hochrangige Stasi-Mitarbeiter (ohne ihre Familienangehörigen!) konnten im Ernstfall eines Nuklearkrieges im Bunker Platz finden, in dem normalerweise ca. 10 Stasi-Mitarbeiter tätig waren.

Es war aber für mich unklar, wozu ein flächendeckender Atomkrieg führen und von wem solche Bunker in Anspruch genommen werden könnte.

Der Roman „Der Weizen gedeiht im Süden“ (acabus Verlag) von Erik D. Schulz erzählt von der Vernichtung des Lebens durch einen solchen Atomkrieg in der nördlichen Hemisphäre, der erschreckend authentisch wirkt.

Der Roman besteht aus drei Teilen, die jeweils in weitere Kapitel unterteilt sind. Im ersten Teil geht es um das Leben im Bunker, im zweiten Teil um die Flucht durch die Alpen und im letzten Teil um die Strapazen im afrikanischen Kontinent mit der Überschrift „Der Weizen gedeiht im Süden“.

In einem hochtechnisierten Bunker im 2500 m hohen Davos in den Schweizer Alpen hoffen 300 Überlebende auf eine Zukunft. Aber das Leben ändert sich auch nach so einer grausamen Katastrophe in diesem Bunker nicht, wie man sich vorstellen kann.

Vor den meterdicken Betonwänden des Bunkers, den eine Firma für zweieinhalb Milliarden Franken ins Felsmassiv des Pischahorns bei Davos gebaut hatte, liegt Europa begraben unter Schutt, Asche und Eis. In diesem Kontinent funktioniert kein Radiosender mehr, es gibt keinen Strom, Flugzeuge fliegen nicht, gewaltige elektromagnetische Pulse haben die elektronische Infrastruktur völlig zerstört. Und der nächste bewohnbare Ort liegt in Afrika, tausende Kilometer entfernt. Draußen Getreidepest und minus 25 Grad, drinnen Tyrannei und quasi eine diktatorische Struktur, die vom Konsortium ausgeübt wird. Die Menschen, die nach dem Krieg hier Zuflucht finden konnten, sind fast alle gut qualifizierten Leute aus verschiedenen Berufen und mit unterschiedlichem Status.

„In der Kantine saßen eine saudi-arabische Familie mit zwei Kindern, Techniker, ehemalige Industrielle, Banker und Menschen, die es oben irgendwie zu Vermögen gebracht hatten oder zum Personal gehörten. Ein Bunkerplatz kostete dreieinhalb Millionen Franken. Ohne seine Eltern hätte Oliver nie das Geld für sich und seine Familie aufgebracht. (…) Daher erinnert hier das Ambiente eher an ein Luxushotel als an einen Atombunker.

„Die von Holtzendorffs gehörten zu einer Dynastie von Medienunternehmern. Vater Georg ging auf die Siebzig zu und war vor dem Krieg Chefredakteur einer großen deutschen Tageszeitung gewesen. Ein hagerer, wie ein Raubvogel wirkender Typ, der meist das missgelaunte Gesicht eines Mannes zog, der sich immer im Recht wähnte. Oliver hielt ihn für depressiv, wofür es gute Gründe gab: Von seinen drei Kindern hatte es nur Tochter Carolin rechtzeitig in den Bunker geschafft. Darüber hinaus hatte er seinen Verlag und damit Macht und Status verloren.“

Sie hatten anscheinend im Bunker normale Lebensverhältnisse geschaffen, u.a. auch Schulräume, wo Unterricht in Gruppen zu je sechs Kindern stattfindet. So liest eine populäre Schauspielerin mit ihrer geschulten, ausdrucksstarken Stimme den Kindern vor.

Der Bunker wird mit Details beschrieben: „Von einem zwanzig Meter langen Tunnel zweigten drei Höhlen ab, die separat vom Bunker in den Fels gemeißelt waren. Über die Hälfte der Fläche nahm das Weizenfeld ein, ein Bereich war mit Kartoffeln bepflanzt und der kleinste mit Obst und Gemüse. Die 25000 Quadratmeter messenden Areale entsprachen der Größe aller drei Etagen des Bunkers. Obwohl nur 300 der insgesamt 500 Plätze belegt waren, reichte die nutzbare Fläche nicht für eine autarke Versorgung. Sie diente zur Ergänzung der Konserven- und Tiefkühlvorräte.“

Die Unruhe im Bunker beginnt vor allem nach der Ermordung des ehemaligen Chefs der Wasserwerke von Zürich, namens Turtschi. Für die Ermordung wird der soziopathische Bunkerchef Wiegele, der hinter vorgehaltener Hand „Diktator“ genannt wird, verantwortlich gemacht. Da das Leben nach sieben Monaten im Bunker wie draußen bedrohlicher wird, schmieden der Leiter der Sicherheitsbrigade Haemmerli und der ehemalige Psychiater Dr. Oliver Bertram einen Fluchtplan. „Wir können uns nur auf unseren gesunden Menschenverstand verlassen. Und der sagt mir, es ist an der Zeit, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und nicht länger in dieser Falle hier sitzen zu bleiben.“

Denn die regelmäßigen Bewohnerversammlungen hält man für Augenwischerei. Echte Mitbestimmung gäbe es nicht. Das ausschließliche Sagen im Bunker hat das Konsortium aus sechs Männern, dem Wiegele vorstand. Das Konsortium soll auch überall Kameras und Mikrophone angebracht haben. Die Ausgänge sind hermetisch abgeriegelt. Nur Wiegeles Chipkarte öffnet sie. Nur er hat die Zaubercodes. Er ist so ein Typ, der „sich häufig in unverschämter Weise“ verspätet und seine junge Frau regelmäßig betrügt. „Der Typ ist ein Psychopath, rücksichtslos, ohne jedes Gefühl und ohne jede Verantwortung. Rache ist für den ein Hochgefühl. Er ist raffiniert und wandlungsfähig, manipuliert andere Menschen. Er ist immer und überall und tut, als sei nichts gewesen.“

„Die Krähen im Konsortium hacken sich jetzt gegenseitig die Augen aus. Flügelkämpfe um die Macht, geführt mit allen Mitteln.“ In Krisenzeiten geht es ja meistens nur um Macht, was hier eindrucksvoll veranschaulicht wird. Aber es wird auch ein Wohlgefühl durch freundschaftliche, warme, intelligente Stimmen sowie auch manchmal ein Schulgefühl gegenüber denen erlebt, die draußen geblieben sind.

Oliver leitet das Gewächshaus im Bunker, weil er im Sudan ein halbes Jahr an einem Joint Venture zwischen der Firma seines Vaters und einem chinesischen Unternehmen mitgewirkt hatte, konkret bei der Optimierung des Insektizideinsatzes beim Weizenanbau. Dieser Job war die beste Therapie seiner Burn-Out-Depression gewesen, die er in der psychiatrischen Klinik erlitten hatte. Damals musste er dringend raus aus dem stressigen Alltag, sonst wäre er womöglich als Patient in der eigenen Klinik gelandet. Seitdem hatte er aufgrund von Versagensängsten nie wieder als Psychiater gearbeitet.

Verzweifelt wagt Oliver zusammen mit seiner 14-jährigen Tochter und einer kleinen Gruppe die lebensgefährliche Flucht hinaus in den nuklearen Winter mit dem Ziel Afrika. Geduld, Einfühlungsvermögen, Verständnis, Liebe, Solidarität, Vertrauen, Optimismus, Mut und Disziplin, aber auch Angst, Sorge, Trostlosigkeit, Elend, Gefahren und Tod begleiten sie auf der langen Reise durch einen lebensfeindlichen Kontinent. Es gelingt den Flüchtlingen wie zu erwarten nicht ohne Opfer. Einige Weggefährten mussten bei Kämpfen und Schießereien ihr Leben lassen.

xl-0208_neu_-choffotografenDie Gruppe musste mit so vielen Strapazen auf dem Weg bis in den Sudan in Kauf nehmen; wilde Natur, unerträgliche Kälte, menschenverachtende Plünderer, gewalttätige Flüchtlinge aus Europa, eine gnadenlose Flüchtlingsbasis in Sudan… Alles wirkt so abenteuerlich, aufregend und mit vielen Dialogen sehr mitreißend erzählt. Beim Lesen des Romans erfährt man, über welch enorme Expertise über Bunkeranlagen und die Folgen nuklearer Katastrophen sowie tiefe Kenntnisse über medizinische Versorgung der Autor verfügt. Da Erik Schulz selbst Arzt ist und sich in einer Organisation internationaler Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges engagiert, ist es nicht überraschend, dass er einen so aussagekräftigen Roman zum Thema eines nuklearen Horrorszenarios schreiben konnte.

Als Vertriebene, als Flüchtlinge brechen die ehemals privilegierten Schutzsuchenden auf in die Fremde, tausende Kilometer entfernt von der vernichteten Heimat. Gibt es überhaupt noch eine Zukunft? Gibt es einen einzigen Ort, an dem menschenwürdiges Leben noch möglich scheint?

Ja, im Sudan, der seit Kriegsende über zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen haben soll. Oliver mit seiner Tochter und ein paar Glückliche haben dort eine neue Heimat gefunden. Dabei zeigt uns diese Geschichte, wie bedeutsam eine gepflegte und vertrauliche Beziehung ist. Denn Oliver hofft dank so einer Beziehung zu einem früheren Freund, Salah Abed in New Halfa, auf eine existenzielle Hilfe. Er wird tatsächlich aus dem unmenschlichen Flüchtlingslager herausgeholt und bekommt die Möglichkeit, beim Weizenanbau weiter aktiv mitzuwirken. In einem Land, in dem es „nur Hunger, Lehmhütten, stundenlanges Laufen zum Brunnen und gegenseitiges Abschlachten“ gibt, wie ein ehemaliger Söldner abfällig behauptet.

In diesem Roman wird über den Grund des Atomkrieges spekuliert: Oliver berichtet „Im Interconti hab ich in einer Zeitung gelesen, dass wenige Tage vor Kriegsbeginn der Cyberkrieg zwischen China und den USA aufgeflackert ist. Sie nannten es Konflikt. Wahrscheinlich ist der dann eskaliert.“ Sein Freund Isler entgegnet: „So war es womöglich. Ich habe das in den Datenbanken des Bunkers recherchiert. In der Tat fing es damit an, dass die Chinesen angeblich bei den Amerikanern militärisch nutzbare Informationen gestohlen haben sollen. Die Amerikaner konterten mit einer breitangelegten Operation gegen chinesische Infrastruktur: Kraftwerke, Telefonnetze, Flugverkehr.“

Im Jahr 1975 hat man im Ostdeutschland einen Atomkrieg für möglich gehalten und dafür geeignete Bunker gebaut. Nun erleben wir seltsame Zeiten, so wie wir sie nicht für möglich gehalten hätten. Die Corona-Pandemie, die mehr denn je akute Krise zwischen China und USA, der allgegenwärtige Populismus und Rassismus, die Flüchtlingsdramen überall – all das versetzt die Welt in Unruhe und Aufruhr. Dieser Roman aktualisiert eine schon in den Siebzigern omnipräsente Frage: Kann es einen Atomkrieg geben? Ja, er warnt uns realitätsnah davor.

Muhammet Mertek