Eine Kleptokratie-Lehre vom indischen Film „Madaari“

Innenminister: „Wir befolgen das Gesetz.“
Nirmal: „Wo war das Gesetz, als mein Kind starb?“

Geheimdienstchef, der absichtlich gelogen hat, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, zu Nirmal: „Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit an die Lüge glaubt, nicht dass ich und Sie sehen, was wahr ist.“

Innenminister: „Die Regierung ist nicht nur korrupt, sondern die Voraussetzung für ihre Existenz ist Korruption. (…) Die Regierung gibt die großen Aufträge, auch die Opposition bekommt viele und unter beiden wird es verteilt.“

Nirmal: „Sie haben durch den Rausch der Macht auch Ihre Moral verloren.“

Das sind einige Sätze, an die ich mich erinnern kann, nachdem ich mir den Film mit deutschen Untertiteln auf Netflix angesehen habe. Dies sind überraschende Aussagen über Tatsachen, die für fast alle als unterentwickelt zu bezeichnenden Gesellschaften zutreffen.

Der Bollywood-Film basiert auf einer wahren Begebenheit und hat eine starke Geschichte. Sein Name ist „Madaari“, höchstwahrscheinlich ist dieser aus dem arabischen Wort „Madar“, was „Stützpunkt“, „Helfer“ oder „Umlaufbahn“ bedeutet, hergeleitet. Die Autoren sind Shailja Keyriwal und Ritesh Shah. Die Hauptdarsteller sind Irrfan Khan, Jimmy Sheirgill und Vishesh Bansal.

Es ist ein typisch indischer Film (gedreht 2016) mit lebhaften Farbtönen wie gelb, grün, orange, pink und emotionaler Musik sowie sehr detaillierten Bildern von der physischen Struktur des Landes. Obwohl bereits vier Jahre seit dem Dreh vergangen sind, scheint er inhaltlich weiterhin aktuell zu sein.

Dies gilt insbesondere für den politischen Inhalt:

Der Hauptdarsteller Nirmal führt ein glückliches Leben mit seinem siebenjährigen Sohn in einem Freak-Haus mit einem Raum, nachdem seine Frau beide verlassen hat. Eines Tages, auf dem Weg zur Schule, bricht die Brücke zusammen und es sterben 28 Menschen, darunter auch sein Sohn Apu, dessen Leiche nicht gefunden wurde. Nirmal, der durch diesen Verlust ein großes Trauma erlitten hat, denkt an Selbstmord, gibt aber in letzter Minute auf. Wegen der Korruption beim Bau der Brücke seien die Regierung und die Politiker für den Tod seines Sohnes verantwortlich. Deshalb beschließt er, sich an ihnen zu rächen. Sein Ziel ist der erst zehnjährige Rohan, der einzige Sohn des indischen Innenministers. Eines Tages wird er aus dem Internat entführt. Armee und Geheimdienst CBI ergreift Maßnahmen. Nachiket Verma, der Leiter des CBI, übernimmt den Vorfall und macht auch die gesamte staatliche Behörde mobil. Es werden überdies Vorkehrungen getroffen, um sicherzustellen, dass die Entführer Rohans nicht in Panik versetzt werden und ihn töten lassen. Die Untersuchung wird für eine Weile geheim durchgeführt.

Während die Aufmerksamkeit auf Rohans Schulkameraden Cheeku gerichtet ist, schweigt Nirmal (Irrfan Khan), der Rohan entführt hat, lieber. Zunächst ist Rohan sehr wütend auf seinen Entführer, aber er bleibt ruhig, wenn er mit der Tötung von Cheeku bedroht wird. Tatsächlich entwickelt sich bei ihm im Laufe der Zeit das Stockholm-Syndrom und er beginnt Freundschaft mit Nirmal zu schließen. In der Zwischenzeit sagt Nirmal ihm, dass er erst nach 5, 10 oder 15 Jahren richtig begreifen werde, was los ist. Nirmal, der als einfacher Mensch zu den unteren Kasten gehört, reist immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Obwohl ihm die Sicherheitsbehörden gewissermaßen auf den Fersen sind, konnte er erfolgreich davonkommen. Aber viele unschuldige Menschen mussten bei den Versuchen ihn zu fangen leiden.

Nach einer Weile ruft Nirmal Cheekus Vater an. Er soll dem Innenminister mitteilen, dass er sein Kind absichtlich entführt hat. Nirmal betrachtet die Regierung als verantwortlich für den Absturz der Brücke. Sie hat durch Korruption nicht genügend Material eingesetzt. Deshalb fordert er, seinen verlorenen Sohn zu finden.

Eine Fernsehsendung verbreitet dies schnell im ganzen Land. Ein Regierungsvertreter sagt sogar gegenüber dem Sender, der über das Thema berichtet: „Warum bringen wir diesen nicht zum Schweigen?“ Gegen Ende des Films kehrt Nirmal mit Rohan nach Mumbai zurück und nimmt Kontakt mit dem Nachrichtensender auf. In seinem Haus macht er einen Deal mit Rohan, setzt ihn auf eine Gasflasche, bindet sie zusammen und stellt noch ein Paar Gasflaschen daneben. Er ruft den Fernsehreporter an und sagt, dass er zu seinem Haus kommen soll. Auch der Innenminister soll mit allen, die für den Einsturz der Brücke verantwortlich sind (Ingenieur, Auftragnehmer), in seinem Haus erscheinen. Wenn sie nicht die Wahrheit sagen, droht er alle in die Luft zu jagen.

Innenminister Gilani und andere, die in erster Linie für die Brücke verantwortlich sind, gestehen ihre Bestechungs- und Korruptionsaktivitäten in einer Live-Sendung, einer nach dem anderen. Nach der Live-Übertragung umarmt Rohan Nirmal, der alle freigelassen hat. Als Rohan zu seinem Vater geht, dreht sich um und sagt Nirmal: „Ich habe bereits verstanden, warum du das alles getan hast.“ Nirmal ergibt sich der Polizei und wirft später die Schuhe, die Wasserflasche und die Schultasche, die nach dem Tod seines Sohnes gefunden wurden, unter der Aufsicht der Polizei ins Meer.

Ein Wort aus dem Lied des Films, das 2016 auch als das beste Film-Lied ausgezeichnet wurde, wird häufig wiederholt: „Er war so unschuldig!“ Und zwar das Wort „unschuldig“ ist nicht anderes als das türkische Wort „masum“ mit gleichem Wortlaut.

Madaari ist ein erfolgreicher Film, der am Beispiel Indien die korrupten Regierungen vor Augen führt, wie die Ressourcen eines Landes durch diverse Methoden der Korruption in die Taschen der Politiker gelangen. Einerseits gibt es die verarmten Menschen und andererseits existiert eine Verbrecherbande, die durch die Ausnutzung staatlicher Macht für eigene Interessen ein immenses Maß an Reichtum erworben haben. Nirmal entschlüsselt diese kriminelle Organisation am Ende des Films und bringt ihre Vertreter während der Live-Übertragung dazu zu gestehen und macht die Kriminellen Machenschaften darin für das ganze Land öffentlich.

Es ist bemerkenswert, dass dieser Film, in dem sich zugleich um eine korrupte Regierung und die Unterdrückung der Medien handelt, im letzten Oktober auch in China gezeigt wurde.

Denn gerade in rückständigen Gesellschaften werden menschliche Werte nicht zum Lebensstil. Ebenso werden in Republiken mit „vertikalem Management“ demokratische Werte keine Regeln und partizipative Governance keine Verfahrensregeln. Wahlen, Parlamentswahlen, Machtwechsel usw. sind allesamt „Muscheln“ und allesamt äußerliche Rituale. Madaari bringt dies ans Licht.

Muhammet Mertek