Die Suche nach Demokratie!

Weimar – Eine Kulturstadt, die von Goethe und Schiller geprägt ist. Eine deutsche Stadt, in der zum ersten Mal die Demokratie auf deutschem Boden auf eine harte Probe gestellt wurde.

Wenn man nach Weimar kommt, sollte man u.a. die Ausstellung über die Weimarer Republik im Stadtmuseum besichtigen. Sie ist quasi ein Dokumentationszentrum, das alle Aspekte der kurz dauernden deutschen Demokratie-Erfahrung aufzeigt. Der Titel eines Buches aus dem Jahr 1914 erregt meine Aufmerksamkeit: Unser heiliger Krieg. Der Soziologe und Literaturwissenschaftler preist den Krieg zu Beginn des ersten Weltkrieges, hält ihn sogar für heilig!

Die Besichtigung erschüttert mich. Mir wird es klar, dass Gesellschaften nach Katastrophen oder Krisen die Wahl haben, zwischen einer positiven und einer negativen Richtung. Das deutsche Volk traf seine Entscheidung nach der schweren Niederlage im ersten Weltkrieg für die positive Richtung. Es gelang ihm, einen demokratischen Staat in Weimar zu errichten. Es reicht aber nicht, dass man einen Staat errichtet, sondern die Menschen müssen die Demokratie, den Rechtsstaat sowie die Freiheiten auch verinnerlichen und umsetzen. Leicht ist dies nicht! Traumata nach dem Krieg, Anfälligkeit der Gesellschaft für extreme Weltanschauungen und die wirtschaftliche Krise lösten die nationalistischen Diskurse und den nationalistischen Wortgebrauch aus. Ich denke, es gibt eine enge Beziehung zwischen Machtinhabern und nationalistischer Rhetorik. Denn es ist immer leichter, die Massen durch populistische Äußerungen zu manipulieren. Dadurch beruhigen sich die Massen und es ist einfacher, sie zu mobilisieren. Es wirkt wie giftiger Honig. Eine harmlose nationalistische Sprache mit dem Diskurs über Heimat, Nation, Patriotismus oder Fahne verwandelt sich infolge der Nichtbeachtung von Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, ethischen Normen zu rassistischen und faschistischen Gedanken. Es gibt genug Beispiele dafür, wie in der Folge später zur Zeit des Nationalsozialismus: „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt!“

Wenn ein Rechtsstaat nicht mit all seinen Institutionen auf der Basis des Grundgesetzes funktioniert und das Bewusstsein in puncto Recht, Ethik und Demokratie nicht entwickelt wird, ist es immer wieder möglich, durch demokratische Wege an die Macht zu kommen und dann einen Weg in Richtung Faschismus einzuschlagen. Obwohl ein Plakat aus der Weimarer Zeit einen richtigen Slogan enthielt, reichte es nicht aus, das Land demokratisch zu machen: „Demokratie heißt Aufbau und Ordnung. Diktatur führt zum Bürgerkrieg. Darum wählt die deutsche demokratische Partei!“

Während die Weimarer Republik im Jahr 1929 durch die Weltwirtschaftskrise erschüttert wurde, mehrten sich die nationalistischen Äußerungen. Weder wesentliche Teile der Gesellschaft noch führende Politiker waren sich bewusst, dass diese Rhetorik einen fruchtbaren Boden für Hitler und seine Ideologie bereitete – was bekanntlich zu einer unvorstellbaren Katastrophe führte, die Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

Die ökonomische und soziale Krise führte das Land also direkt ins Chaos. Die freiheitlichen Grundrechte der Weimarer Verfassung sind dennoch mit denen des Grundgesetzes fast identisch. Wenn man damals nicht mit nationalistischer Rhetorik reagiert hätte und bei der Problemlösung keine Zugeständnisse in Bezug auf die Rechtsstaatlichkeit gemacht hätte, hätten die Nationalsozialisten, die harmlose Vaterlandsliebe in menschenverachtenden Rassismus verwandelt haben, vielleicht keinen Nährboden gefunden – und die bis heute schrecklichste Katastrophe der Welt hätte überhaupt nicht stattgefunden. Wer weiß?

Die deutsche Gesellschaft hat mit der Weimarer Republik nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs zunächst eine gute Richtung eingeschlagen, ist aber bei der nächsten Katastrophe – der wirtschaftlichen und sozialen Krise – abgerutscht in die Falle des nationalsozialistischen Faschismus. Dies hat mehrere Millionen von Menschenleben gekostet, Städte und Länder ruiniert, Tragödien und Dramen hervorgebracht, die viele Jahre andauerten. Heinrich Böll erzählt in seinem Nachkriegsroman „Haus ohne Hüter“ sehr ergreifend, wie insbesondere Frauen und Kinder damals gelitten haben.

Eine Gesellschaft, die Faschismus oder Kommunismus sowie despotische Regime nicht (rechtzeitig) erkennt, wird Tag für Tag weiter in die Finsternis rutschen und die Folgen mit großen Leiden bezahlen müssen. Eines Tages wird sich herausstellen, dass die nationalistische Rhetorik nur Scheinbilder heraufbeschworen hat und letztendlich Betrug war. Aber dann wird es zu spät sein.

Die Deutschen haben nach zwei Weltkriegen diese Konsequenzen zu spüren bekommen. Da sie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht genügend verinnerlicht hatten, mussten sie die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus machen mit all den unfassbaren Folgen und Leiden.

Und um nicht wieder in dieselbe Falle zu fallen, müssen wir die auch heute unsere Augen öffnen und die folgenden Worten und Taten der Politiker nicht tolerieren: Wenn ein(e) Politiker(in), die Gesellschaft spaltet, Hassgefühle schürt, die religiösen und nationalistischen Motive hervorhebt und somit die Religion und Nationalität ausnutzt, die Bürger zur Hexenjagd aufruft, eine Volksgruppe oder einen Teil der Gesellschaft und die anderen Mächte für alle schlechten Entwicklungen zum Sündenbock erklärt und zum Feindbild erklärt, sich um die Verletzung der bestehenden Verfassung und um die Einschränkung der Pressefreiheit bemüht, sich mit dem Staat identifiziert, verfassungswidrig verhält, ständig lügt, korrupt ist, doppelmoralisch handelt, selbstliebend agiert, dann ist dies schlicht und ergreifend nicht akzeptabel sowie nicht tolerabel für die Demokratie.

Um all diese Dinge zu erkennen und sich dementsprechend zu positionieren, braucht der Mensch ein reflektiertes Wissen darüber und eine wirkliche Verinnerlichung der Demokratie, verbunden mit Rechtsstaatlichkeit und moralischen Werten. Da die Masse der Gesellschaft leider nicht über dieses Bewusstsein verfügen, haben wir immer wieder mit solchen politischen Fehlentwicklungen zu tun.

Aber so bleibt Weimar sowohl als Stadt als auch als historischer Begriff ein wahrhaftiges Denkmal und Zeugnis für die Geschichte eines Staates bzw. eines Landes, denn: Deutschland feiert heute zurecht den 100. Jahrestag der Nationalversammlung im Weimarer Theater, die zu einer ersten Demokratieerfahrung auf deutschem Boden führte.

Muhammet Mertek