Das Lied der Rohrflöte

Horch, wie voll Sehnsucht die Rohrflöte singt!
Sie beklagt ihre Trennung, wie schmerzlich es klingt:

„Mitsamt den Wurzeln entrissen sie mich meinem Beet,
ob Mann oder Frau, sie alle weinen nun um mich, von früh bis spät.

Gebt mir ein vom Leid der Trennung zerrissenes Herz,
dann fänd’ ich Verständnis für meinen Schmerz:

Wer entwurzelt ist, von seinem Ursprung entfremdet,
ersehnt den Moment, da er heimwärts sich wendet.

Mein Klagen und Seufzen musste alle betören,
ob fröhlich, ob traurig, alle wollten mich hören.

Wer weiß, was sie dachten, mit träumendem Gesicht,
auf mein Innerstes hören, das wollten sie nicht.

Wo doch meine Töne ganz offen wehklagen,
sieht niemand und hört mich, will niemand mich fragen?

Kennt die Seele nicht den Körper, der Leib nicht die Seele?
Und doch hat noch kein Auge geschaut die Seele.“

Liebesglut, nicht bloße Atemluft verströmt der Flöte Ton.
Wer nicht verglüht vor Liebe, ist wohl gestorben schon.

Die Flammen der Liebe hüllen die Flöte ein,
die Glut der Liebe vergärt den berauschenden Wein.

Bist du fern dem Geliebten, vertrau auf der Flöte Wort,
ihr Lied reißt sicher den Schleier vom Herzen dir fort.

Ihr Lied singt von Herzleid und Heilung zugleich,
wer außer der Flöte ist an Liebe und Treue so reich?

Sie singt auch von Leiden und Pfaden voll Blut,
von Madschnun, der nicht versteht, was die Liebe ihm antut.

Niemand, der nicht selbst verliebt ist, spreche von Liebeswahn,
denn die weise Zunge findet zum tauben Ohr keine Bahn.

Wann sehe ich endlich den Geliebten, der Tag wird mir lang,
und auch vor der quälenden Nacht ist mir schrecklich bang.

Doch all das geht vorbei, und später fragt keiner,
wenn Du nur bei mir bist, Du Makellos Einer!

Ertrinken im Wasser vor Durst will der Fisch,
wer das nicht versteht, sitzt umsonst wohl bei Tisch.

Der Rohrflöte Lied ruft nach Reife, die auch Ernst mit ihr macht,
wem es zu fein gesponnen, dem wünsche ich jetzt „Gute Nacht!“

Mesnevi, Bd. I, 1-18,
(Deutsche Übertragung von Edith Hackl)