Die Musik im Dienste der Entwicklung des Gehirns

Alle lebenden Systeme sind darauf programmiert, sich ihre Außenwelt bewusst zu machen und entsprechend bewusst zu handeln. Nur so ist es ihnen möglich, zu überleben und sich fortzupflanzen. Die Wahrnehmung der Außenwelt erfolgt über den Empfang von Reizen durch die Sinnesorgane oder die Sinneszellen. Klänge mit einer bestimmten Frequenz und Intensität spielen für die Kommunikation zwischen den einzelnen Spezies eine sehr wichtige Rolle. Viele Spezies sind mit einem Hörsystem ausgestattet, das ihnen erlaubt, Klangsignale zu empfangen, zu verarbeiten und zu erkennen. Ihnen wurde damit ein unschätzbar wertvolles Geschenk gemacht.

Klänge und Geräusche, die sich durch einen individuellen Rhythmus und eine individuelle Melodie auszeichnen, oder solche, die durch die Anordnung von Worten im Zusammenspiel mit Rhythmus, Harmonie und Melodie erzeugt werden, nennt man Musik.

Bei manchen Klängen und Geräuschen, die von lebenden Geschöpfen oder von leblosen Objekten hervorgebracht werden, ist jedoch gar nicht so einfach zu beurteilen, ob sie als Musik gelten können, oder nicht. Wer ihnen Rhythmus und Harmonie zugesteht und sie auch im Innern fühlt, wird diese Geräusche wohl als Musik der Natur bezeichnen, andere hingegen wohl eher als Krach. Ob man Klänge und Geräusche als Musik oder Krach einstuft, hängt einerseits von Rhythmen, Tonhöhen und melodischer Kontur ab, andererseits aber auch vom mentalen Zustand und vom Verständnis des Zuhörers.

Klänge, die der Wind, fließendes Wasser oder zwitschernde Vögel erzeugen, beweisen, dass das Universum lebendig und aktiv ist. Menschen, die an Gott glauben, spüren, dass diese wunderbaren Klänge die Namen und Attribute Gottes widerspiegeln. Doch auch ungläubigen Menschen bieten sie Entspannung und das Gefühl, eine Einheit mit der Natur zu bilden. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Musik ein ästhetisches Kommunikationsmittel ist, das von Rhythmus und Schönheit Gebrauch macht und Botschaften in die Seelen der Menschen trägt.

Natürlich produziert nicht nur die Natur Musik, sondern auch der Mensch. Die Musik dient ihm zur Unterhaltung, zur Entspannung und als Vermittlerin von Inhalten aller Art. Tausende von Menschen sind heute in der Musikindustrie tätig und verdienen sich mit der Musik ihren Lebensunterhalt.

Die Empfänglichkeit des Menschen für Rhythmus, Melodie und bedeutungsvolle Klänge und deren Funktionen war bereits Gegenstand vieler Untersuchungen. Eine spezielle Fachrichtung, die Biomusikologie, beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie die Musik lebende Systeme beeinflusst. Wie wirkt sich die Musik auf Entwicklung, Lernen und geistige Gesundheit des Menschen aus? Angesetzt wird dabei schon vor der Geburt.

Schon seit langem geht man davon aus, dass der Musik eine universelle Sprache zu Grunde liegt; denn jede Kultur hat ja ihre eigene Musik hervorgebracht. Wie ist das zu erklären? Studien, die im Bereich der Biomusikologie durchgeführt wurden, belegen, dass die Musik einen positiven Einfluss auf Überleben und Fortpflanzung des Menschen hat. Darüber hinaus stellte man fest, dass die Musik ein Abbild der Ordnung und des Gleichgewichts ist, die ein Leben überhaupt erst ermöglichen.

Viele Spezies erkennen sich an den Geräuschen, die sie produzieren. Umgekehrt grenzen sie sich auch durch eben diese Geräusche von anderen Spezies ab. In der Paarungszeit erfüllen die produzierten Geräusche außerdem den Zweck, dass die Exemplare der einzelnen Spezies zueinander finden. Einer Musik, die diese oder ähnliche Funktionen erfüllt, sollte in der Seele des Menschen ein besonderer Platz reserviert sein.

Erziehung beginnt bereits im Mutterleib

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass schon Säuglinge Musik wahrnehmen und erkennen können. Doch ab wann können das Nervensystem und das Gehirn von Säuglingen musikalische Reize spüren, verarbeiten und erinnern? Vieles spricht inzwischen dafür, dass sich der Körper der werdenden Mutter in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft die Fähigkeit erwirbt, Musik mit einem bestimmten Rhythmus zu einem positiven Faktor im Prozess der biologischen Entwicklung werden zu lassen. Früher waren die Forscher davon ausgegangen, dass sich die Gehirnkapazitäten von Kleinkindern erst mit dem Sprechen-Lernen entwickeln. Diese Vermutung war jedoch ganz einfach falsch; denn auch Kinder, die noch nicht sprechen können, sind starker Gefühle mächtig und bemühen sich aktiv darum, Klänge wahrzunehmen und Klangrhythmen und -melodien wieder zu erkennen. Ansätze zur Entfaltung dieser Begabung sind sogar schon vor der Geburt zu beobachten. Heute gilt als sicher, dass 5 Monate alte Kinder zwischen Frequenzen unterscheiden können, die wesentlich näher beieinander liegen als zwei nebeneinander liegende Noten auf der Tonleiter. 8-11 Monate alte Kinder nehmen melodische Konturen wahr und erinnern sich an sie. Die Art und Weise, wie Säuglinge auf musikalische Reize reagieren, ähnelt ganz der Reaktion von Erwachsenen.

Kann Musik Kindern dabei helfen, sich ihrer Umwelt besser bewusst zu werden und Distanzen und Zeiträume besser einschätzen zu können? Eine in den USA durchgeführte (und im Journal of Applied Developmental Psychology veröffentlichte) Studie liefert hier überraschende Antworten. Schüler, die ihre Schularbeiten unter Aufsicht der Eltern erledigen und deren Eltern darauf drängen, dass sie Musikkurse besuchen, verfügen demnach über bessere kognitive Fertigkeiten (Erinnerungsvermögen, verbales und non-verbales Denken und mathematische Fertigkeiten) als andere Kinder. Bei Intelligenztests, die auf regelmäßigem Üben und Erfahrung basieren, schließen diese Kinder besser ab. Die Forscher führen diese positiven Ergebnisse auf eine engere Eltern-Kind-Beziehung zurück. Die Gene allein entscheiden jedenfalls nicht über den Intelligenzquotienten.

Je mehr Zeit und Engagement Eltern ihren Kindern widmen (z.B. indem sie gemeinsam Musikkurse besuchen), desto erfolgreicher sind die Kinder offensichtlich auch in der Schule. Wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen, ist das für die Kinder negativer, als mit nur einem Elternteil oder bei Eltern mit einem niedrigen Einkommen und geringem Bildungsstand aufzuwachsen.

Auch andere Studien gelangen zu dem Schluss, dass Kinder, die sich mit dem Erlernen eines Instruments beschäftigen und darüber hinaus möglichst viel Zeit mit ihren Eltern verbringen, bei Intelligenztests besser abschneiden.

Weitere positive Aspekte der Musik

Einige Hormone im menschlichen Körper sind mit dem Hören von Musik verknüpft. Vom Körper produzierte Hormone und Prozesse, die auf den Körper einwirken, beeinflussen wiederum auch das Gehirn. Musikhören kann, je nach dem, um welche Art Musik es sich handelt, den Kortisolspiegel (Kortisol = Stresshormon) heben oder senken. Unter Stress und in einem bedrückenden Umfeld empfiehlt es sich, ruhige und kontemplative Musik zu hören.

Diese Art von Musik kann auch eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Hormonhaushalts von chronisch depressiven Jugendlichen spielen und deren Stimmung heben. Schon 20 Minuten aufmerksamen Zuhörens wirken sich positiv auf die Aktivitäten des Gehirns aus und senken den Kortisolspiegel. Andere Arten von Musik hingegen beschleunigen den Puls und die Atemgeschwindigkeit; sie sind besonders gut geeignet, um unsere Aufmerksamkeit und unseren Aktivitätsdrang zu steigern. Welche Folgen ein ständiges Hören solcher Art von Musik auf unseren Körper hat, ist nach wie vor ungeklärt.

Gesunde Menschen wählen sich die Musik, die sie hören, zumeist aus, ohne sich darüber bewusst zu sein, welche Effekte diese in ihrem Körper und Gehirn hervorruft. Wenn wir Musik hören, deren Melodie und Rhythmus gut auf unsere Persönlichkeit abgestimmt ist, können wir die Bioenergie, die von der inneren Schönheit unserer Seele freigesetzt wird, besser nach außen hin abgeben.

Fazit

Die Musikerziehung vermittelt uns wichtige Einsichten in die Entwicklung des kindlichen Gehirns, in die Beziehungen und die geistige Gesundheit von Kindern sowie in das Verhältnis zwischen Lernfähigkeit und Lernbereitschaft.

Wenn wir zu einer neuen Definition des menschlichen Wesens gelangen wollen, sollten wir auch unsere Vorstellung von Musik neu überdenken. Denn die Musik beeinflusst unsere Psychologie, unsere Stimmungslage und unsere körperlichen und geistigen Aktivitäten ganz erheblich. Die Musikerziehung kann uns Fähigkeiten wie Zusammenarbeit, aufmerksames Zuhören, Produktivität, Koordinationsfähigkeit, analytisches Denken und Ausdrucksvermögen vermitteln.

Die Wirkung von Musik basiert zum Teil darauf, wie diese Musik beschaffen ist und über welche Eigenschaften sie verfügt, ist aber auch an die jeweilige Stimmung und den mentalen Zustand des Zuhörers gekoppelt. Mit der Musik verhält es sich wie mit allen anderen Dingen: Der Mensch hat die Pflicht, sie zu nutzen und mit ihrer Hilfe Gutes und Schönes hervorzubringen; sie sollte nicht allein der Unterhaltung dienen. Daher brauchen wir Forscher, die uns in verschiedenen Bereichen der Musik zu neuen Einsichten verhelfen und uns neue Konzepte vorstellen.

Dr. Selim Uzun

Literatur

  • Billhartz, Terry D., Rick A. Bruhn und Judith E. Olson; Psychology: The Effect of Early Music Training on Child Cognitive Development; in: Journal of Applied Developmental Psychology 2, Nr. 4 (Dezember 1999); S. 615-636
  • Field, T. et al.; Music Shifts Frontal EEG in Depressed Adolescents; in: Adolescence 33, Nr. 129 (1998); S. 109-116
  • Weinberger, N.M; The Musical Infant; in: Musica: The Music & Science Information Computer Archive 1, Nr. 1 (Frühjahr 1994)
  • Weinberger, N.M; Why Do We Have Music; in: Musica (Winter 1999)