Wenn ich die 5. Sinfonie höre…

Jeder Mensch hat allemal in sich, an einer tiefen Stelle, eine Seite, die das Schöne, das Gute und das Richtige spüren kann. Dies betrachten wir besonders in den Bereichen, wie Kunst und Ästhetik. Da unser auditives Gedächtnis sehr stark ist, ist m.E. unser „Musik-Begehren“, das durch die lokale Kultur wie Melodie dominierend bestimmt wird, ein gutes Beispiel dafür.

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Wenn ich die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven (1770-1827) höre, führte sie mich erneut zu vielen tiefen Gedanken. Sie assoziiert bei mir jedes Mal mental und emotional zwei Dinge:

Das Erste ist das Gedicht von Necip Fazil Kisakürek (1905-1983) „Leid“, das er selbst vorträgt. Er ist einer der bekanntesten Literaten und Denker der Türkei. Die erste Überschrift dieses Gedichts lautete auch „Die Sinfonie“. Im Hintergrund ertönt auch die 5. Sinfonie von Beethoven.

Sie steht mit den Stimmungstönen, den Betonungen und dem Text von Necip Fazil in voller Harmonie, so dass sie die tiefe Mystik im Gedicht im menschlichen Geist spüren lässt.

Zum ersten Mal ließ er mich dieses raffinierte, universelle und ästhetische Timbre, die Abgewogenheit und Ästhetik der Klänge sowie die ganze Harmonie, die den Menschen mit all seinen unzähligen Emotionen rührte, wahrnehmen, was sehr schwierig war, dass jemand wie ich, in einer Kleinstadt am Schwarzen Meer aufgewachsen, alles erfahren konnte.

Ich habe noch vieles von ihm gelernt. Aber wenn ich von heute zurückblicke, stehe ich paradoxerweise weit entfernt von seinen Standpunkten.

Das Zweite ist das „Konzert zum Sonntag“, das einst in meiner Jugendzeit in der Berliner Philharmonie durchgeführt und bei TRT TV gesendet wurde. Der Dirigent des Konzertes war Herbert von Karajan (1908-1989). Er schien bei mir immer als ein sehr entschlossener, seine Arbeit mit vollem Herzen und in Ekstase mit einer entsprechenden Körpersprache erfüllender Mann.

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Die glänzenden Instrumente unter der Leuchte im Saal, die Erscheinungen der Rhythmen und Instrumente in seinen Bewegungen, die prachtvollen Perspektiven der Kameras und die geometrischen Strukturen durch diese Perspektive in einer farbenprächtigen Heiterkeit… Finger, Tasten, Bogen, Baguette etc… und die starken und außergewöhnlichen Bewegungen des Taktstockes in der Hand von Karajan sowie das Oszillieren seiner artistisch geschnittenen Haare durch seine Kopfbewegungen neben den ganzen Rhythmen, Melodien, Farben, Beleuchtungen, Synchronisationen führten mich zu fremdartigen Stellen in mir, was ich bis dahin nicht merkte. Es kam mir so vor, dass scheinbar nicht tatsächlich die Instrumente ertönen, sondern der musikalische Rhythmus diese spielen lässt.

Dies führte mich auch als selbst so zu bezeichnenden Provinzler zu tiefsten Emotionen so hypnotisierend und begeisternd im Strudel der Melodie.

In solchen Konzerten werden viele populäre Werke, wie die 5. Sinfonie Beethovens, angeboten. Wie oft hatte ich von denen gehört. Diese Sinfonie und die „Konzerte zum Sonntag“ von Karajan haben sich in meinem Gedächtnis tief eingebrannt und ich habe mich damit mindestens musisch-kulturell identifiziert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Jeder Mensch ist naturgemäß nicht nur biologisch, sondern auch als ein soziokulturelles Wesen das Kind der Landschaft, in der es lebt. Aber jede Person, die in „irgendeiner lokalen Kultur“ aufwächst, verfügt über die Hardware, womit sie das Ästhetische, das Gute und das Richtige erkennen, begreifen und verstehen kann, da sie auch „Mensch“ ist und zur Menschheitsfamilie gehört. Nun bietet in diesem Sinne die Kunst bzw. die Musik offenbar eine bedeutende Grundlage an, die lokalen Unterschiede (Geografie, Nationalität, Religion, Tradition etc.) zu minimieren. Eigentlich spüren wir alle in unserem Herzen, dass die universelle Sprache der Kunst das Potenzial hat, viele Probleme der Menschheit lösen zu können, und zwar auf eine ästhetische Art und Weise.

Asim Besir